Montag, 10. Februar 2014

9: Plädoyer für die Ehre des Übersetzers

Neulich bei einer Wiederholung der meiner Meinung nach ziemlich amüsanten, schon etwas älteren Schweizer Sitcom "Fascht e Familie": Hobbyschauspieler Hans erzählt von einem seiner Theatererlebnisse. Dabei fällt der Satz: "Und da hät mich d Muse küsst!". Im hochdeutschen Untertitel, den ich aus Interesse seit dem zweiten Semester am Institut für Übersetzen und Dolmetschen immer wieder gern einschalte, steht: "Und da küsste mich die Maus."

Das Untertiteln gehört auch zum Übersetzen - man übersetzt vom mündlichen in den schriftlichen Kanal. Warum dieses Thema? Weil ich das Gefühl nicht los werde, dass die Tätigkeit des Übersetzers von vielen massiv unterschätzt wird. Mir ist kürzlich in den Sinn gekommen, dass mich dereinst vor Beginn meines Studiums eine Bekannte fragte, ob Übersetzer nicht ein langweiliger Beruf sei, weil man ja immer nur Texte in einer anderen Sprache aufschreiben müsse. Sofort nach diesem Flashback stand fest, dass ich hier in meinem Hobbylinguistenblog gegen diese hoffentlich nicht allzu verbreitete Meinung vorgehen würde. Denn jetzt, nach ein paar Semestern am IUED, habe ich ein paar handfeste Argumente parat. Schauen Sie sich nur mal das Bild rechts an. Darauf sehen Sie englische Wörter, und darunter die verschiedenen Arten ihrer Verwendung (die Details sind unwichtig, es geht um die Menge). Eine andere Verwendungsart bedeutet eine andere Übersetzung. Und da ist der Kotext, das direkte Textumfeld des Wortes, noch nicht berücksichtigt (der Kontext besteht aus Paralleltexten, und wie man "parallel" schreibt, merken Sie sich am besten so: In der Mitte steht "alle")!

Mal überlegen: Wer macht fremdsprachige Literatur und Filmkunst für eher oder komplett monolinguale Menschen geniessbar? Wer ermöglicht die korrekte, kohärente und konstruktive Kommunikation zwischen Sprechern verschiedener Sprachen, sei es privat, im Spital, vor Gericht, in der Schule, in der Wirtschaft oder in der Politik, wie gerade wieder gesehen beim World Economic Forum? Wer macht Reden, Konferenzen, Presseberichte, Regelwerke, Verträge oder Enzyklopädien innerhalb einer oder zwischen zwei Sprachen für das jeweilige Publikum verständlich? Nein, das kann nicht jeder. Mir scheint, als sei der in Zeiten der Globalisierung und der wachsenden Vernetzung immer mehr gefragte Beruf des Übersetzers in die selbe Gruppe geraten wie etwa der des Lehrers: Die, von denen viele vorlaute Laien glauben, sie könnten das auch. Aber für beide Metiers gilt: Man muss wissen, worauf man sich einlässt, und es braucht Übung, Übung und nochmal Übung.

Das Bild oben haben Sie schon gesehen - zahllose Wörter haben nicht einfach ein einzelnes Pendant pro Fremdsprache. Aber das ist erst der Anfang der Übersetzungsproblemquellen. Redewendungen, Wortspiele oder kulturgebundene Metaphern sind fast ausschliesslich nie "direkt" übersetzbar. Einen Text, der sich auf das Kulturwissen seines Sprachgebiets stützt, kann man niemals ohne das Ergreifen entsprechender strategischer Massnahmen in eine andere Kultur übertragen, und auch Fachchinesisch muss dem Zielpublikum angemessen übermittelt werden. Das ist alles andere als langweilig - da ist haufenweise Kreativität gefragt! Aber Vorsicht: Das Spiel hat Regeln, denn bei all dem Durcheinander muss das Endprodukt dann auch noch idiomatisch und angemessen klingen - so, wie man es in der jeweiligen Kommunikationssituation in der Zielsprache, also der Sprache, in die man übersetzt, eben sagen würde. Da sehe ich die meisten Probleme unter Anfängern - viele kleben zu stark am Ausgangstext. Ein simples Beispiel dafür ist ein Fehler, den ich während der Schulzeit immer wieder in verschiedenen Variationen hören durfte: "Das hat man ja nicht können wissen!". Dahinter verbirgt sich ein sogenannter syntaktischer Negativtransfer, Ausgangssprache Schweizerdeutsch ("Das het me jo nid könne wüsse!"), also die zu direkte, fälschliche Übertragung einer Satzstruktur aus dem Schweizerdeutschen, deren Resultat grammatikalische Korrektheit und Idiomatik vermissen lässt.

Das Feilen an der translatorischen (übersetzerischen) Kompetenz und die damit verbundene volle Ausschöpfung des eigenen Vokabulars und sonstigen Sprach- und Kulturwissens etc. führt in der Regel dazu, dass man auch als ehemaliger Schulsprachunterrichtmusterknabe an seine Grenzen stösst und eindrücklich vor Augen geführt bekommt, wie gut es um die tatsächliche Sprachkompetenz denn nun bestellt ist, in Mutter- genauso wie in Fremdsprachen! Was muss man noch können? Effizient recherchieren, Wörterbücher konstruktiv benutzen, ein möglichst breites Sprach- und Kulturwissen zur Reduktion der Abhängigkeit von den eben genannten Kompetenzen besitzen, schnell und genau arbeiten, mit Computern und Übersetzungsprogrammen umgehen und vor allem auch die oft grosse Verantwortung tragen können, was durch Beispielfälle wie diese hier klar wird.

Die Haltung eines Übersetzers soll/kann nicht sein: "Ich schreibe jetzt diesen Text in einer anderen Sprache auf", sondern eher: "Wie würde man das Gemeinte in dieser Sprache und Kultur ausdrücken?". Deswegen der italienische Spruch "Traduttore, traditore!": Übersetzer sind Verräter, denn im Normalfall kann man schlicht nicht genau das gleiche in zwei verschiedenen Sprachen ausdrücken. Bei vielen Textsorten macht das aber nicht viel aus, solange das gewünschte Ziel erreicht wird. Und im literarischen Sektor, wo die Meinungen über Sinn und Unsinn einer Übersetzung stets auseinander gehen, biete ich folgenden Vergleich an: Die Übersetzung eines Buchs oder Films ist auf eine Art wie die fotografische Dokumentation einer Landschaft. Das Resultat kann bei geschicktem, kompetentem Vorgehen immer noch sehr hübsch sein, und es reicht ohne Weiteres für die aus, die dort gerade nicht selbst hin können, oder die nicht so aufs Reisen versessen sind. Aber klar ist: Es ist niemals dasselbe wie ein Besuch vor Ort. Der Fokus auf den Bildern ist der des Übermittlers, und das Originalfeeling der Umgebung bleibt denjenigen vorbehalten, die verreisen können. Mehrsprachigkeit öffnet viele Türen.

Was sagen Sie? Maschinelle Übersetzung? Als Ersatz für menschliche Übersetzer? Die Forscher wähnten sich immer wieder kurz vor dem Durchbruch, was das anbelangt. Aber dann geschah wieder sowas in dieser Art:


Nein, die Arbeit eines menschlichen Übersetzers können die Maschinen nicht übernehmen. Aber Computer sollen unterstützen, das können sie hervorragend. Elektronische Wörterbücher soll man benutzen, selbst ein trainiertes Übersetzerhirn kann denen nun mal nicht das Wasser reichen (Bei folgendem Test können Sie mal schauen, wie englischwörterbuchabhängig [Adjektiv des Monats, mindestens] Sie etwa sind. Bei mir kam folgendes Ergebnis raus: "On the basis of your results, we estimate you know 46% of the English words. This is a fairly high level for a native speaker." :D). Und das Benutzen solcher Wörterbücher lohnt sich nicht nur, wenn man einen Ausdruck nicht kennt oder nicht präsent hat, sondern auch dann, wenn einem die im Kopf gefundene Variante nicht passen will. Deshalb arbeite ich mit Synonymwörterbüchern wie jenem auf synonyme.woxikon.de und elektronischen Ressourcen, die viele verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten für Wörter anbieten, hauptsächlich de.glosbe.com, dict.cc und linguee.de. Glosbe und Linguee zeigen Übersetzungsbeispiele aus der Praxis (werden beim Übersetzen mit Computerhilfsprogrammen in sogenannten Translation Memories gespeichert), bei Dict und Linguee finden sich auch Redewendungen und bei Linguee auch Übersetzungen von speziellen Begriffen wie Firmennamen, Buchtiteln etc. (nachträglich ergänzt nach Hinweis eines aufmerksamen Lesers. Danke, Christian!) Redewendungen stellen aber den einzigen Fall dar, in dem man einen elektronischen Helfer mit mehr als einem Wort auf einmal füttern sollte. Wie wenig sinnvoll nämlich elektronische Satztranslation ist, können Sie beim Bad Translator amüsant überzeichnet mit englischen Sätzen austesten.

Ich freue mich schon jetzt auf meine spannende, abwechslungsreiche und wichtige Tätigkeit als Übersetzer für Englisch-Deutsch, Spanisch-Deutsch und vielleicht auch teils Deutsch-Englisch. Ein Übersetzer ist übrigens nicht dasselbe wie ein Dolmetscher. Er konzentriert sich auf die schriftliche Domäne. So, ich hoffe, der Respekt befindet sich nun auf einem gesunden Niveau. Dann sind Sie für diese Woche entlassen. Machen Sie's gut. Wenn Sie mögen. Soll ja kein Befehl sein, auch wenn's so klingt. :P

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 3. Februar 2014

8: Say the right thing

Je älter ich werde, desto mehr Werbungen widern mich an. Wie die Werbebranche mittlerweile sprachlich vorgeht, das geht mir immer öfter so richtig auf die Nerven. Es sind nicht nur die oft schlechten Wortspiele wie bei "Husten, wir haben ein Problem" von Hustensafthersteller Prospan. Oft wird schlicht und einfach gemogelt oder zumindest nicht die ganze Wahrheit gesagt. In Zeiten der Spezialisierung ist anzunehmen, dass mittlerweile ganze Teams für das Verfassen solcher Texte zusammensitzen. Was gibt man seinem Produkt sprachlich mit, um es den Leuten schmackhaft zu machen? Da gilt es, den sprachlichen Fokus richtig zu wählen. Say the right thing.


Die Leute hinter diesem Plakat verstehen sich bestens darauf. Der Fokus wechselt vom Ausgeben zum Einkassieren. Denken Sie daran: Wenn Sie den Fernseher einfach im Regal lassen, "schenken" die Ihnen den ganzen Preis. Es geht aber natürlich noch viel dreister. Ich kann ja schon Slogans wie die von M&M's ("Jeder will sie haben") oder McOptik ("Macht glücklich!") oder die Toffifee-Werbung (Es wird gesagt, die Differenzen in der Familie könnten durch Toffifee überbrückt werden, und so sind durch den Konsum immer alle glücklich vereint) nicht leiden, die pauschal und plakativ ihre Produkte vergöttern. Meine Güte, und die "Merci"-Schokolade! Die Idee mit dem Namen und der Werbung voller dankbarer Menschen ist ja ganz nett, aber vor allem ist das auch eine krasse Marketing-Masche. Dankbarkeit als Kaufauslöser. Oder wie beim Fondue von Gerber noch etwas direkter ausgedrückt: "Es git immer en Grund". Schauder. Aber passen Sie mal auf, jetzt wird's richtig dreist:


Was haben wir hier? Grossartig, Süssigkeiten ohne Fett! Was kann da noch schief gehen? Ein unglaublich gerissener Marketingmensch muss hinter dieser Beschriftungsstrategie stecken. Drehen wir die Packung mal um:


Zucker und Glukosesirup an erster Stelle! Zum Glück wird das im Körper nicht zu Fett umgewandelt, sonst würde man ja am Ende doch zunehmen! Eine äusserst clevere Wahl des Fokus. Der Laie glaubt, er halte das gesündeste Produkt der Welt in seinen Händen. Es wird etwas auf die Packung geschrieben, was in Tat und Wahrheit nichts sehr besonderes ist und einen falschen Eindruck erweckt, wenn man nicht genauer darüber nachdenkt. Auch bei einem Migros-Joghurt hat sich einer eine solche Masche ausgedacht: Man kippte Zuckersirup rein und schrieb frech auf die Etikette: "0% Kristallzucker". Linguistische Perfidität, vom Feinsten und vom Gemeinsten. Die wussten doch ganz genau, dass viele Leute das Bestimmungswort "Kristall-" beim Kaufentscheid nicht genügend einrechnen und folglich spontan nicht darauf kommen würden, dass der Zucker ganz einfach in einer anderen Form beigefügt worden sein könnte. Solche Schwindeleien deckt regelmässig der Kassensturz auf. Eine grossartige Sendung. Und übrigens, das Beste an der Yoghurt Gums-Packung habe ich Ihnen noch gar nicht gezeigt: 


Na sowas, nicht nur implizit, sondern sogar explizit gelogen. Zum Kopfschütteln.

Auch in der Politik ist das Fokus-Herumgeschiebe sehr populär, denn auch da geht es darum, die Dinge im gewünschten Licht darzustellen und so den Durchschnittsmenschen von etwas zu überzeugen. Wenn Sie in der Schweiz leben, ist Ihnen bestimmt aufgefallen, wie die aktuelle Initiative der SVP auf den Ja- und Nein-Plakaten jeweils genannt wurde:


Die Befürworter sprachen immer von der "Masseneinwanderungsinitiative". Klingt, als würde eine gewaltige Bedrohung damit aufgehalten, und als müsse man folglich unbedingt "Ja" stimmen.



Bei den Gegnern war die Rede von der "Abschottungsinitiative". Die niedrige Meinung davon wird durch diese Wortwahl doch ziemlich klar, und einer Initiative mit so einem negativ konnotierten Titel möchte man spontan doch eher ein "Nein" geben.


Werbung und Politik linguistisch zu untersuchen, ist hochspannend. Der Druck, der auf den Leuten in diesen Branchen lastet, ist enorm: Auf engem Raum müssen möglichst viele Leute mit Sprache für etwas gewonnen werden. Wie Sie sehen, bringt das faszinierende und nachdenklich stimmende Ergebnisse hervor. Oder witzige, wie bei Herrn Bigler, der sich bei Tele Züri mit einer tiefgründigen Metapher zur SVP-Initiative äusserte: "S Problem isch jo, dass me uf em Ascht sitzt, wo me sälber sitzt!" Ich werde mich hier nicht das letzte Mal mit diesen Themen beschäftigt haben. Noch einen schönen Tag!

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 27. Januar 2014

7: Heitere Sprachspiele #1

Wenn Sie so viel über Sprache nachdenken wie ich, und dann noch so ein ganz klein wenig kreativ, verrückt, gebildet und kreativ 1 sind wie ich, dann kann das, wie ich bereits einmal angetönt habe, zu wahnwitzigen sprachlichen Fantasieschöpfungen und Wortspielen führen. Da hab ich regelmässig was dazu in petto. Deshalb wird es ab jetzt die Eintragsreihe "Heitere Sprachspiele" geben, aus der ab und zu ein Exemplar veröffentlicht werden wird. Heute also Teil 1.
1 = Man kennt diesen Witz aus: Kling, Marc Uwe (2011): Das Känguruh-Manifest. Berlin: Ulstein. Mit GRÖSSTER Empfehlung, gemeinsam mit dem Vorgänger (Die Känguruh-Chroniken). Die Hörbuchversionen finde ich besonders witzig.

Speziell die Umwandlung von implizitem in explizites Wissen ist beim wortspielen (haha) behilflich. Man merkt etwa, dass präfigierte Verben (Verben mit Präfixen wie auf-, zu- oder ver-) mal getrennt werden und mal wieder nicht. Warum nicht mal die Regeln verdrehen? Der Sprachbeschreiber dreht die Regeln ver. Er zumutet das seiner Leserschaft. Ich hoffe, das setzt sie nicht zu sehr ent, sonst weiterlesen Sie besser nicht (in diesem letzten Beispiel handelt es sich bei "weiter" allerdings eher um ein Adverb als ein Präfix). Man kann auch mal an unüblichen Stellen das Genus verbi auswechseln, also etwa Aktive durch Passive ersetzen. Wenn etwas geschieht, könnte man auch sagen, es sei "passiert worden". Wer als Kind nicht zum Zahnarzt wollte, ist von seinen Eltern hingegangen worden, nachdem er/sie bereits gegen seinen/ihren Willen aufgestanden worden war. Womit kann man noch spielen? Etwa mit "Anti", "Pro", "Kontra" etc. Und schon stehen neue Begriffe im Raum: Was kauft man wohl in einem Proquariat? Wann sagt man vor dem Trinken "Kontrast!"? Wenn die Pharmaindustrie wegen ihrer Gewinnorientierung nicht an einem gesunden Volk interessiert sein kann, dann verkauft sie doch bestimmt Depressiva, Infektionsspray und Biotika? Gegenteile bieten natürlich noch viel mehr Spielraum. Kennen Sie das Gefühl der Unterraschung? Wo kann man Wirtschaft und Link studieren? Und wenn die Sonne morgens aufgeht, dann könnte sie abends doch auch abgehen? Dazu passend: Der lustige Gegenteilgenerator auf gegenteil-von.com. Was der teilweise ausspuckt...


Das geht natürlich auch mit Maskulinum und Femininum - aber da sind interessante Ergebnisse schwieriger zu erzielen. Einer unserer Dozenten an der Hochschule bestand darauf, an jedem möglichen Ort Feminina zu verwenden. In vorauseilendem Gehorsam fing ich an, in meinen Notizen sowie auch bald im Alltag so viele Worte wie möglich zu "femininisieren". Aus Felix Steiner wurde Felicia Steinerin. Aus Burger King wurde die Burger Queen. In der Kina werden immer die neusten Trailerinnen gezeigt. Umgekehrt ginge natürlich auch. So wurde aus der Beatrice der Beateur, und aus der Karin der Karer. Oder der Car.

Sie dürfen gern mitspielen und mir Ihre lustigsten Sprachspielideen zusenden, die ich dann vielleicht sogar in einen Post dieser Reihe integriere. Ohne die "Hilfe" meiner Freunde würde bei Weitem nicht so viel Material vorliegen - so viel Wahnwitz gibt mein Gehirn allein dann doch nicht her. Machen wir zusammen unser grosses Hobby, die Sprache, zum grossen Spielplatz! Ich freu mich.

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 20. Januar 2014

6: Von Vögeln und Handschuhen

Zuallererst möchte ich diese Woche ein grosses DANKESCHÖN ausrufen. Am 13.1.2014 wurden die Gedanken des Sprachbeschreibes nach ziemlich genau einem Monat im Netz bereits zum eintausendsten Mal angeklickt. Das dürften im Schnitt rund 32 Klicks pro Tag sein! Das Wissen darum, dass auch tatsächlich Leute mitlesen, wenn ich schreibe, beglückt und motiviert mich ungemein. Ihr seid grosse klasse!

So, zum Anfang möchte ich von einer kleinen Alltagsepisode berichten. Kopfschüttelnd sass ich kürzlich auf dem Sofa im Wohnzimmer bei meiner Mutter. Sie hatte "Wer wird Millionär" eingeschaltet, und der Kandidat hatte sich folgender Frage gegenüber gesehen: "Wobei handelt es sich nicht um Vögel? A Pinguine B Wellensittiche C Sträusse D Kakadus". Er hatte das Publikum gefragt, und dieses hatte sich mit grosser Mehrheit für die Pinguine entschieden, was dann auch er getan hatte. Und dann der Schock. Pinguine gelten sehr wohl als Vögel. Es handelte sich um eine fiese Fangfrage: "Sträusse" ist der Plural von "Strauss" im Sinne von "zusammengebundene oder -gestellte abgeschnittene oder gepflückte Blumen, Zweige o. Ä." (duden.de). Aus dem Strauss im Sinne von "(in den Steppen Afrikas und Vorderasiens lebender) grosser, flugunfähiger Laufvogel mit langem, nacktem Hals, kräftigem Rumpf, hohen Beinen und schwarz-weissem bis graubraunem Gefieder" (duden.de) werden im Plural die "Strausse". Das wären auch Vögel gewesen. Fies. FIES.

Nach dieser kleinen Alltagsgeschichte nun zum Hauptinhalt des dieswöchigen (Gibt's gar nicht? Mir egal.) Blogeintrags; einem kurzen Stück Literatur, das ich letztes Jahr an der Hochschule niederschrieb. Man gab uns zur Inspiration nichts weiter als ein Bild. Hier das Endprodukt dieses Projekts, nach ein paar Überarbeitungsphasen...


"Da liegt er nun, dieser Handschuh. Gelandet auf dem Boden der Tatsachen, der ihm in der Form einer Treppe am Bahnhof Winterthur begegnet ist. Sein Besitzer Hans, 61-jährig, hatte ihn aufgrund der unerwarteten Wärme, die er bei der Ankunft im herbstlichen „Winti“ festgestellt hatte, in seine Tasche stecken wollen und versehentlich sein Ziel verfehlt. Dann war der baldige Rentner eilends im Meer der Menschen verschwunden, die hier täglich ein- und ausgehen. Dieses Schauspiel, das man hier zu Stosszeiten erlebt und das manchmal kleinen Völkerwanderungen gleichzukommen scheint, ist ziemlich eindrücklich. Die Stadt boomt. Im letzten Jahrzehnt hat ihre Einwohnerzahl die 100‘000er-Marke gesprengt. Über 7000 Studenten arbeiten an den hier ansässigen ZHAW-Departementen ihren Bachelors und Masters entgegen. Die erwähnte Treppe wird sich also nicht über zu wenig "Kundschaft" beklagen können. Doch nun liegt dieser Handschuh dort, und das ist ein Problem. Immerhin verunreinigt er das reine, makellose Bild des Bahnhofs, der ja immerhin in der sauberen Schweiz liegt und gewissen Standards genügen sollte!

Bald werden also die Angestellten der Stadtreinigung vorbei kommen und sich fragen, wie mit diesem Fremdkörper umzugehen sei. Fest steht: Er muss weg. Wo kämen wir denn auch hin, wenn jeder seine Handschuhe an öffentlichen Orten herumliegen liesse? Eine Verunreinigung der Allmend liegt hier vor, und dagegen muss rigoros vorgegangen werden. Es stellt sich lediglich die Frage: Welches Extrem der Fürsorge werden die Angestellten mit ihrem Gewissen vereinbaren können? Ist es der Gang zum Mülleimer oder der zum Fundbüro? Wird das Gewissen überhaupt eingeschaltet, oder wird willkürlich entschieden? Findet das Kleidungsstück wieder zu seinem Besitzer zurück? Es wäre ihm zu wünschen, denn die Realität, mit der es nun konfrontiert worden ist, sieht so aus: Ohne seinen Besitzer, den Menschen, ist es schlicht nicht von Bedeutung. Wie gross kann diese Bedeutung, die Verehrung eines solch unspektakulären Gegenstandes, wohl überhaupt werden? Der Spielraum ist nicht zu unterschätzen, wie etwa der Österreicher Niko Alm gezeigt hat. Ihm war es als Anhänger der „Kirche des fliegenden Spaghettimonsters“ (gegründet 2005 vom US-Amerikaner B. Henderson) möglich, für sein Führerscheinfoto mit einem Pasta-Abtropfsieb auf dem Kopf abgelichtet zu werden. Einem Handschuh ist wahrscheinlich noch nie in diesem Masse Ehre zuteil geworden. Sollte sich dies nicht ändern? Ist ein Handschuh etwa weniger der Verehrung würdig als ein Nudelsieb?

Die Frage, wie innig die Beziehung zu einem unbelebten Gegenstand sein sollte, muss wohl jeder belebte Mensch für sich selbst beantworten. Bis sie für unseren Handschuh geklärt ist, dürfte es nicht mehr allzu lange dauern. Die Beziehung zu Besitzer Hans wird auf die Probe gestellt. Wird dieser nach seinem Begleiter suchen? Oder ihn kaltblütig den Stadtreinigungsleuten überlassen, die mit ihren womöglich ausländischen Händen um die vielgepriesene Sauberkeit der Schweiz besorgt sind, und ihn einfach ersetzen? Ist Ihnen aufgefallen, dass er dabei in einem Schuhgeschäft keinen Erfolg haben wird, obwohl wir hier eindeutig von einem Hand-Schuh sprechen? Ist Ihnen zudem aufgefallen, zu welchen Ausführungen das philosophisch veranlagte Hirn fähig ist, sei der Ausgangspunkt auch noch so banal? Ich wünsche Hans und seinem Handschuh alles Gute für die Zukunft."

Tja, damit ist für's Erste alles gesagt. Gehabt euch wohl.

-Der Sprachbeschreiber

P.S. Da fällt mir doch noch was ein! Falls das jemand von den Basler Verkehrsbetrieben liest: Kürzlich hatten Sie auf ihren Stationsanzeigetafeln die Meldung eingeblendet, dass die Tramlinien zum Bahnhof SBB "umgeleidet" werden müssten. Da ist Ihnen ein Fehler unterlaufen. Es müsste wenn schon "umgelitten" heissen! Etwas mehr Konsequenz bei solchen Experimenten, wenn ich bitten darf. :P