Montag, 16. Februar 2015

34: Automatic language

Na da brat' mir doch einer 'n Storch (Sprichwort), es ist 2015. Und ich blogge jetzt mal frisch und fröhlich (Alliteration) weiter - der regelmässige Rhythmus (Alliteration & Pleonasmus) wird aber ab jetzt abgeschafft, da für mich gerade ein nicht gerade unbedeutendes (Litotes) Semester beginnt. Lassen Sie sich also einfach gelegentlich von einem Post überraschen, OK? Bestens. Für den ersten Post dieses Jahres habe ich mir das Analysematerial vollautomatisch produzieren lassen. Und zwar von meinem Handy.

Es wird ja kaum mehr handschriftlich geschrieben. Heutzutage wird vornehmlich getippt, auf echten
oder virtuellen Tastaturen, und das bringt neue Probleme mit sich, die wiederum mit neuen Schreibhilfen bekämpft werden. Beim Computer werden Wörterbücher angelegt, und die Daten daraus werden beim Schreiben mit dem verfassten Text abgeglichen. Scheint ihm ein Wort zu abgefahren, und kennt er ein Wort, das fast gleich geschrieben wird, so schlägt er dieses vor. Dazu kam irgendwann die Implementierung grammatischer Regeln, so dass uns Microsoft Word inzwischen auch auf falsche Deklination und ähnliches aufmerksam machen kann (in vielen Fällen schlägt es aber auch einfach nur Quatsch vor).

Bei kleinen Handytastaturen trifft man des öfteren nicht genau alle gewünschten Buchstaben, und deshalb können Smartphones mittels Autokorrektur Wörter vorschlagen (bzw. aufzwingen), die man vielleicht hatte schreiben wollen, weil die Finger in der Nähe der passenden Buchstaben vorbeigekommen waren. Die Entwickler der Swype-Technologie machten sich diese Technik zunutze und erfanden ein Schreibsystem, bei dem man nur eine Linie über die gewünschten Buchstaben auf der Tastatur zu zeichnen braucht, worauf aus den Buchstaben, bei denen die Linie die Richtung ändert, mögliche Wörter zusammengebastelt und vorgeschlagen werden. Das Handy lernt dabei neue Wörter, die man benutzt (der Schweizerdeutsch-Lernprozess meines Handys fasziniert mich ungemein), und speist zum Beispiel auch Namen aus dem Telefonbuch ein. Interessant wird es zum Beispiel dann, wenn man beispielsweise einen Text swypet und immer den jeweils zweiten Vorschlag annimmt. Bestaunen Sie im Folgenden die "zweitwahrscheinlichsten Varianten" zweier bekannter Texte.

Alte meiner erbrechen
Schwetzingen aus drum SE
Köpfen Asus den war schwatzen ihn dir hob.

Vatter unsere um hinten
Gehofft Werder sein nannte.
Sein Rettich könne, sein Wolke geschüttet, wow um Hummel, si aus Dem.

Besonders spannend: Manche Wörter kamen mehrmals vor, aber beim Swypen wurde nicht der selbe zweitwahrscheinlichste Vorschlag angegeben, was mich fragen lässt, wie denn da die Kriterien fürs Vorschlagen lauten... Auf jeden Fall würde es da nicht schaden, die Beziehungen zwischen den Wörtern zu beachten. Aber auch das können die Smartphones ja inzwischen.

Grosse Textmengen werden höchstwahrscheinlich in die Handys eingespeist - wahrscheinlich Korpora aus typischen SMS-Konversationen -, damit sie lernen, welche Worte beim Simsen oft aufeinander folgen, und möglicherweise passende Wörter vorschlagen können. Mit der Zeit lernt das System dann auch, was der Nutzer am meisten hintereinander schreibt (weswegen mich der Vorschlag im Bild oben doch etwas nachdenklich macht). Der Autovervollständiger ist ein linguistisch ungemein interessantes Phänomen. Auf meinem Windows Phone gibt es ihn nur auf Englisch. Hier sehen Sie, von welchen drei Wörtern manche Wörter laut Windows offenbar am meisten gefolgt werden:


Die Vorschläge hier sind ziemlich naheliegend... Not bad. Mal sehen, wie das weitergeht:



"Please help" auf Rang 1? Wenn das System so funktioniert, wie ich es erklärt habe, also mit eingespeisten echten SMS-Nachrichten, dann könnte man da auf eine "Great Depression" in der Bevölkerung oder sowas schliessen. Es folgt "Please don't". Es gibt also viel Uneinigkeit und Misstrauen; man muss den Leuten vieles ausreden/verbieten..? Und dann noch "Please contact" auf Rang 3... Das klingt mir irgendwie zu formell für einen echten, authentischen SMS-Korpus und wirft erneut die Frage auf, welcher Art die Nachrichten waren, die hier verwendet wurden, um das Handy zu "unterrichten".

Kuck an, kuck an. Wenn man von sich selbst schreibt, geht es also vor allem darum, was man hat (oder getan hat), was man denkt (oder meint) und was man ist (oder gerade tut). Spricht man den anderen an, so geht es darum, was er (tun) kann, was er ist (oder gerade tut), und was er hat (oder getan hat). Nun, das mit dem "have" erklärt sich vielleicht am ehesten so, dass SMS-Nachrichten in den meisten Fällen von kürzlich erfolgten Handlungen berichten (present perfect). Während wir etwas tun ("am", present continous) haben wir wohl eher weniger Zeit zum Simsen, aber wir wollen es ja richtig tun und fragen lieber nochmal nach, deswegen vielleicht Rang 3 dafür (oder wir gehören zu den Dauerschreibern, die ständig und überall mit jemandem in Kontakt sein müssen). Aber noch öfter empfinden die Menschen es offenbar als wichtig, ihren Senf abzugeben. Egoisten. Ein bisschen mehr "should" würde denen gut tun. :P
Was wird mit dem "You can" bezweckt? Die anderen sind sich wohl oft ihrer Möglichkeiten nicht bewusst. "You are" - war ja klar, was der andere ist, das wissen wir immer besser: Ein verantwortungsloses Schwein, eine dumme Quasselstrippe, ein zentralafrikanisches Rotstirngazellenbaby... Ok, letzteres eher selten. Vergessen Sie das wieder.

Das in SMS-Nachrichten erwähnte Wetter ist also in den meisten Fällen "soooo"... Also entweder schreiben sich die Leute vor allem dann Nachrichten, wenn das Wetter sooo schön, sooo mies, oder, was ich aufgrund meiner Facebook-Erfahrung auch für sehr wahrscheinlich halte, sooo spektakulär ist. Im zweiten Fall denke ich sofort an unangenehmen Smalltalk an der Bushaltestelle (gibt es Leute, die sogar beim Simsen so awkward drauf sind..?). Und der dritte Fall... kann man daraus schliessen, dass die Leute einander bei schönem Wetter öfter schreiben als bei schlechtem? Und was schliesst man wiederum daraus? Hoffentlich handelt es sich um Leute, die Ausflüge planen, und nicht um solche, die auch bei bestem Wetter noch nur mit elektronischen Geräten beschäftigt sind.

Was haben wir hier? "In the world"? Die Leute halten sich also oft für Experten, die die Autorität zur Verallgemeinerung besitzen. Oder die fortschreitende Globalisierung und Vernetzung lässt mehr Wissen und folglich mehr Aussagen über die Verhältnisse in der Welt zu. Dann folgt "in the morning"... Der Morgen ist anscheinend die meist erwähnte Tageszeit. Am Morgen findet also offenbar das erwähnenswerte Leben statt, der frühe Vogel fängt den Wurm, morning hour has gold in its mouth (klingt irgendwie verstörend auf Englisch...). Und bei Rang 3 geht das Studieren wieder los: "In the" kann unmöglich am drittmeisten von "is" gefolgt werden - wie funktioniert also dieses Vervollständigen? Meine Recherchen haben bislang nichts zutage gefördert...

Dann wünsche ich weiterhin viel Spass beim Tippen. Mal sehen, was die Technik uns Sprachfans noch so alles bringt... Ich werde da sein und es analysieren!

-Der Sprachbeschreiber

P.S. Mithilfe einiger engagierter Winterpausenklicker hat mein Blog kürzlich die 5000-Klick-Marke gesprengt. YAY, danke! =)

Dienstag, 23. Dezember 2014

33: Kuriositätenkabinett 2014

Hi there!

Zum Abschluss des Jahres 2014 beabsichtige ich, mich einer eher banalen und doch wunderbar unterhaltsamen Beschäftigungsmöglichkeit für einen Sprachbeschreiber zu widmen: Auffällig formulierte Schriftstücke, die ich dieses Jahr sammeln konnte, präsentieren und kommentieren. Folgen Sie mir in ein klitzekleines Kabinett der Kuriositäten des Sprachgebrauchs.

Hm... Wenn Sie mal jemandem mit angestrengt gesenktem Kopf durch die Strassen laufen sehen, dann dürfte es sich also um einen Head and Shoulders-Nutzer handeln. "Idiomatikignoranz" bei der Wortwahl nenne ich das. Unter "Augenkontakt" versteht man bei uns nicht in erster Linie, dass etwas mit den Augen in Berührung kommt. Aber das merkt nicht jeder...

Dieses Problem macht mannigfaltig Mühe, auch im Blick am Abend: Hat man einen weiblichen Chef oder eine weibliche Chefin? Wählt man das Oxymoron oder den Pleonasmus?  Hier jedenfalls musste ich schmunzeln. Sie auch? Da haben's etwa die anglophonen Personen einfacher... Warum muss man jedem Nomen unbedingt das Geschlecht ansehen? Von den französischen Anpassungsregeln will ich gar nicht erst anfangen... Und apropos political correctness:


Meine sehr verehrten Poulets und Pouletinnen... Bzw. im Französischen "poulette" und im Italienischen "polla"..? Ja, man kann's auch übertreiben mit der sprachlichen "Gleichheit" - die durch dieses Vorgehen sowieso nicht erreicht wird. Es kommen an unserer Hochschule gelegentlich DozentInnen vor, die ausschliesslich weibliche Personenbezeichnungen gebrauchen, die also etwa nur vom Beruf der Übersetzerin sprechen. Dass das ihrer eigenen Argumentation folgend nicht weniger diskriminierend ist, wird anscheinend nicht realisiert oder bewusst in Kauf genommen.

Wo soll ich da anfangen... Also, das Grundwort "Seminar" ist kein Name, man muss also von "das Nachtseminar Winterthur" sprechen. "Musikbegeisterte DJs"... "Grüblerische Philosophen"... "Naturverbundene Bauern"... "Grosse Riesen"... "Nasses Wasser"... ...alles auf der selben Kreativitätsstufe. Zudem gibt es den Genitiv-Apostroph nur im Englischen; auf Deutsch signalisiert er, das etwas ausgelassen wurde. Zu guter letzt fehlt das Komma, das den Nebensatz einleitet (DJs, die...). Lauter postmoderne Trendfehler - als leidenschaftlicher Korrekturleser weiss ich, wovon ich rede.

Leset und staunet...

Jaja, wieder einmal eine unglücklich konstruierte Syntax. Da kommen die mit ausreichender linguistic awareness ausgestatteten Personen wie der gute Oli hier aus allen Ecken gekrochen und haben ihren Spass dran.

Wie meinen, Blick am Abend? Ob Frauen grösser sein dürfen als der Partner des Lesers, oder ob Frauen grösser sein dürfen als der eine Partner, den sie sich teilen?




Kicher kicher. Tja, wieder ist Weltwissen für das richtige Verständnis eines Kompositums gefragt. Da war eine oder einer ganz witzig und konnte sich einen Hinweis darauf nicht verkneifen.
Bei der Erstellung dieser Umfrage war wohl der Ermittlerausschuss zur Entlarvung von Menschenhändlern beteiligt...



Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Und vergessen Sie nicht: Die sprachlichen Kuriositäten sind überall. Open your eyes. Und es sei wieder einmal erwähnt: Wenn Sie was Schönes finden, dann machen Sie doch ein Foto und lassen Sie's mir zukommen, damit die Welt mitkichern und -studieren kann. Danke und frohe Festtage, wir sehen uns nach der Winterpause ( mal schauen, wie lang die dauert... ich sach' mal Mitte Februar)!

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 8. Dezember 2014

32: Inspiriert vom Känguru #3: Sprachliche Manifestation

"Ich kann nich' Auto fahren", sagt das Känguru. "Ich habe meine Führerscheinprüfung abgebrochen, weil ich Rechts vor Links nicht akzeptieren wollte." "Wie?!". "Warum Rechts vor Links? Warum nicht Links vor Rechts? Sogar in Australien gibt's Links vor Rechts, und das Heimatland meiner Vorfahren kann sich sonst nicht gerade einer sehr fortschrittlichen Politik rühmen." "Was?". "Da muss man doch ma' drüber reden!". "Wie?". "Ich meine, wenn wir eins aus der Frauenbewegung gelernt haben, dann isses doch, dass sich Unterdrückungsmuster schon in der Sprache manifestieren!". "Was?". "Liebe LeserInnen", sagt das Känguru mit großem I. "Wie?". "Hast du n' Hänger?!", fragt das Känguru. (...) "Soll ich dir ma' auf'n Hinterkopf hau'n?". "Was?". Das Känguru haut mir auf den Hinterkopf. "Ey!", sage ich. "Dekonstruktivismus!", sagt das Känguru. "Kenn' ich", sage ich. "Na also! Rechts vor Links, das is' ein reaktionär-konservatives Unterdrückungsmuster, manifestiert in der StVO!". "Was?". "Ich mein' warum Rechts vor Links? Warum nich' Links vor Rechts? Warum?". "Weiß nich'", sage ich. "Das hat mein Fahrlehrer auch gesagt, das konnt' ich so nicht akzeptieren! Da bin ich trotzdem zuerst gefahr'n!". "Konsequent", sage ich. "Ich meine warum heißt es Recht haben und nicht Link haben?". "Hm", sage ich. "Warum ist ein rechtes Ding positiv konnotiert, ein linkes Ding negativ?". "Hm". "Warum spricht ein Richter nicht Link?". "Hm." "Wahrscheinlich weil er ein rechter Sack ist!", sagt das Känguru. 
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2009): Die Känguru-Chroniken)

Recht hast du, Känguruh: Die Sprache ist immer wieder auch Spiegel der Kultur, in der sie gesprochen und von der sie folglich beeinflusst und geformt wird. Sprache lebt. Das sehen wir nur schon daran, dass es unregelmässige Verbformen gibt: Diese sind in der Regel das Resultat von mündlicher Weitergabe. Was sich verbreitet, das setzt sich durch, wie zum Beispiel auch das Wort "Keks", das dadurch entstand, dass das deutsche Backwarenunternehmen Bahlsen eins seiner Produkte "Leibniz-Cakes" nannte, was die Deutschen so mangelhaft aussprachen, dass dann schliesslich "Keks" daraus wurde. In diesem Wort manifestiert sich also quasi die Inkompetenz der meisten Deutschen in Bezug auf die Aussprache englischer Wörter.

Faszinierend ist in dieser Hinsicht besonders das Projekt DDR-Duden. Damals im Osten, wo ja das Känguru auch viele Jahre verbrachte, wollte die sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) die Sprache der BürgerInnen quasi auf die Staatsideologie "zuschneiden". Das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen beschrieb 1973 den Unterschied der Sprache des "Arbeiter- und Bauernstaats" zum "Westdeutschen" folgendermassen:

"Das grammatische Grundsystem der Sprache zeigt keine ins Gewicht fallenden Differenzierungen. Der Anteil der Unterschiede im Wortschatz dürfte bisher sicher noch unter 3 Prozent liegen. Schwerpunkte eines abweichenden Wortschatzes liegen insbesondere im politisch-ideologischen Bereich, bei den Begriffen aus dem Berufsleben und aus der Wirtschaft sowie im Bereich von Bildung und Kultur."

Germanist Willi Steinberg lobte den Duden-Ost, weil er "alle Wörter führt, die das Heldentum der Arbeit und die Taten unserer Menschen für Frieden und Fortschritt widerspiegeln". Wörter, die der "richtigen Gesinnung des Volkes" abträglich schienen, wurden kurzerhand gestrichen, darunter "Meinungsfreiheit", "Weltreise", "Kreuzfahrt" oder "Republikflucht". Um durch die Zustimmung der BürgerInnen gegebene Legitimität des Staates und seiner Organe vorzutäuschen, wurden aus zahlreichen Wörtern mit dem Bestimmungswort "Volk-" Komposita gebastelt wie "Volksrichter", "Volkspolizei", "Volksuniversität", "Volksgesundheit", "Volksfeind", "Volkszeitung" und der zu Kopfschütteln mit Grinsen anregende Pleonasmus "Volksdemokratie" sowie die "Volkswahl" und natürlich die "Volksrepublik". Vereinzelt wurde auch versucht, Worte zu ersetzen statt verschwinden zu lassen. Aber den Osterhasen zum "Frühjahrschokoladenhohlkörper", den Weihnachtsengel zur "Jahresendflügelfigur" und Nudeln oder Kartoffeln zu "Sättigungsbeilagen" zu machen, darf wohl als etwas sehr gewagter Versuch der Abhebung vom "Klassenfeind" im Westen bezeichnet werden. Bestehende Begriffe erhielten auch vermehrt veränderte Definitionen:

Parlamentarismus (Westen, 1954): Beschränkung demokratischen Handelns auf das Parlament
Parlamentarismus (Osten, 1957): bürgerliche Regierungsform, in der formal das Parlament die Politik bestimmt

Bourgeoisie (Westen, 1973): (wohlhabender) Bürgerstand (auch: durch Wohlleben entartetes Bürgertum)
Bourgeoisie (Osten, 1969): die herrschende Klasse in der kapitalist. Gesellschaft

Kapitalismus (Westen, 1973): Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, deren treibende Kraft das (übersteigerte) Gewinnstreben einzelner ist
Kapitalismus (Osten, 1969): Gesellschaftsformation und Produktionsweise, die auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und auf der Ausbeutung der Lohnarbeiter beruht

Verrückt, nicht? Für mich als Student der angewandten Linguistik sind die Hintergedanken der Bestrebungen der SED zwar verständlich; die Sprache ist so eng mit der Kultur verflochten, dass es sehr wertvoll wäre, wenn die beiden einander jeweils neu angepasst werden könnten. Aber so eine "sprachliche Umerziehung" lässt sich nicht ohne weiteres durchziehen, es wird eben gesprochen, wie gesprochen wird, manches setzt sich durch, manches nicht. Aber das Känguru hat auch in der heutigen Sprache erneut eine Manifestation entdeckt...

"Es heißt ja - und das nicht zu Unrecht - Geben sei seliger denn nehmen", sagt das Känguru. "Auch ist allen klar, dass man dem Geber Dank schuldet, wohingegen der Nehmer zu danken hat. Und da Sprache eine Waffe ist, lassen Sie mich kurz etwas über die Begriffe Arbeitgeber und Arbeitnehmer klar stellen, bevor wir dieses sogenannte Bewerbungsgespräch fortführen." Der Personalchef ihm gegenüber zuckt mit den Achseln. (...) "Arbeitgeber und Arbeitnehmer", sagt das Känguru, "diese beiden Worte sind falsch. Es sind Wortzusammensetzungen nur geschaffen um die Wahrheit zu verdrehen, die Arbeitenden zu verwirren, ja, es sind Klassenkampfkomposita - bitte beachten Sie die gelungene Alliteration. Eigentlich ist nämlich der sogenannte Arbeitgeber der Arbeitnehmer und der Arbeitnehmer der Arbeitgeber. Der Arbeitnehmer nämlich gibt seine Arbeit dem Arbeitgeber und der Arbeitgeber nimmt die Arbeit des Arbeitnehmers und verwertet diese zu seinem Gewinn. (...) Da ich mich nicht an dieser Verblendung des Volkes beteiligen möchte", sagt das Känguru, "bitte ich um Ihr Verständnis dafür, dass ich diese beiden Worte im vertauschten oder vielmehr vertauscht scheinenden aber eigentlich richtigen Sinn benutzen werde." 
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2014): Die Känguru-Offenbarung)

Vielleicht fällt Ihnen ja auch mal so etwas auf..? Watch your language.

-Der Sprachbeschreiber

Quellen:

http://www.stiftikus.de/material/FALK.pdf
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45876620.html

Montag, 24. November 2014

31: Rettet das Rumantsch..?

Der Kommentar ist eine tolle Textsorte. Da darf man als Journalist den Leuten zur Abwechslung mal so richtig die Meinung geigen. Und ich habe dereinst sogar einen Kommentar schreiben dürfen. Für ein Dossier rund um Sprache und Kultur des Kantons Graubünden, das wir an der Hochschule verfassten, sammelte ich zunächst Daten zur Sprachverwendung des Rätoromanischen und kommentierte den entsprechenden Bericht anschliessend. So stand es im Jahr 2000 (von da stammten vor zwei Jahren die aktuellsten vollständigen Daten) um das Rätoromanische:


Rang 10. Nicht nur die drei anderen Landessprachen, sondern ganze 6 weitere Varietäten werden in der Schweiz häufiger gesprochen. Zunächst war meine undifferenzierte Haltung: "Naja, wenn das keiner mehr benutzt, dann lasst es halt sterben." Die habe ich eigentlich immer noch. Ich musste allerdings einen kritischen Kommentar verfassen. Und beim Planen fand ich plötzlich Gefallen an der Vorstellung, mich gegen das Verschwinden der rätoromanischen Sprache auszusprechen. Ich schrieb und schrieb, ich schrieb mich in einen regelrechten Rausch, und ich bin durchaus glücklich mit dem reisserischen Text, der am Ende entstanden war. Bitte sehr:

Das Aussterben des Rätoromanischen
Die Zahlen zeigen es unmissverständlich: Die rätoromanische Sprache fristet mittlerweile ein beispielloses Aussenseiterdasein – sogar in ihrem Heimatkanton Graubünden. Welche Überlegungen löst diese Entwicklung bei kritischen Denkern aus? Im Folgenden ein Kommentar, der versucht, aufzuzeigen, was dabei auf dem Spiel steht, und welche Gefahren der Dynamik hinter diesem Prozess innewohnen.

Es lebe der Pragmatismus
Das Rätoromanische befindet sich auf dem Rückzug. Langsam verabschiedet es sich aus der Welt, wie der Röhrenfernseher, das Handy mit Tastatur und vielleicht sogar das Bankgeheimnis. Bei letzterem allerdings wird erbittert gegen das Verschwinden angekämpft. Es handle sich immerhin um ein Schweizer Markenzeichen, eine wertvolle Einzigartigkeit, auf die wir stolz sein könnten. Etwas, das die Schweiz zu dem mache, was sie sei – regelrechtes Kulturgut! So etwas ist doch schützenswert, nicht? Anscheinend nicht immer.

Ist das Rumantsch etwa kein „echtes Stück Schweiz“, kein kostbares Einzelstück, das einen nicht unerheblichen Farbton zu unserer bunten Kulturlandschaft beiträgt? Offenbar wird dieses Thema mit grosser Gleichgültigkeit und viel Pragmatismus behandelt. Nehmt lieber Deutsch, das ist praktischer. Bringt euren Kindern kein Rätoromanisch bei, das sorgt nur für Verwirrung und hat keinerlei praktischen Nutzen. Man muss sich ganz einfach fragen: Ist eine Sprache nicht mehr als ein Werkzeug für Kommunikation? Ist sie nicht Kultur, Identität, ein Stück Heimat?

Wenn die Leute eine Sprache zum Mittel zum Zweck herabstufen und  letztlich dazu bereit sind, sie der Einfachheit halber aussterben zu lassen, dann ist das bedenklich. Das Regime des spanischen Diktators Francisco Franco erhob seinerzeit das Kastilische zur einzigen Landessprache und untersagte die Verwendung aller übrigen Varietäten. Die aktuellen Entwicklungen scheinen zu einer unbewusst voranschreitenden Ausrottung des Rätoromanischen zu führen, die in ihren Auswirkungen letztlich einem Verbot nahezu gleichkäme.

Entwicklungen wie diese, der die Bündner Sprache zum Opfer zu fallen droht, sind charakteristisch für die Megatrends der Zukunft, die sich heutzutage am stärksten in der Technik zeigen: Miniaturisierung, Funktionsintegration – es muss alles schneller, einfacher, unkomplizierter gehen. Denken Sie an Geräte wie das iPhone. Es vereint auf engstem Raum ein Telefon, einen Taschenrechner, einen MP3-Player, eine Fotokamera und noch vieles mehr. Man braucht weniger Geräte und hat mehr Platz. So zeigen sich diese Trends in der Technik. Es besteht nun die Tendenz, dass diese ihren Einfluss im grossen Stil ausweiten und auch andere Bereiche des menschlichen Lebens beeinflussen. So gerät über kurz oder lang die kulturelle Vielfalt in die Schusslinie, in diesem Fall die sprachliche Diversität – sie erhöht den Aufwand für Kommunikation und somit auch den Aufwand in allen Bereichen, in denen kommuniziert wird. Eine Reduktion aufs Deutsche würde den Trends entsprechend vieles einfacher, praktischer gestalten. Daraus könnte dem Rätoromanischen diese Bedrohung erwachsen sein, die sich schleichend vergrössert hat. Bald ist es wahrscheinlich zu spät für Rettungsaktionen.

Möglicherweise wird die Germanisierung des Bündnerlandes in absehbarer Zeit nicht mehr zu bremsen sein. Wie geht es dann weiter? Man könnte dann irgendwann auch darauf kommen, dass das Französische und das Italienische dem Deutschen in der Schweiz im Weg stehen. Wenn diese beiden abgeschafft wären, könnte man zum Beispiel endlich Schluss machen mit all den unübersichtlichen dreisprachigen Produktbeschriftungen! Und wozu braucht jeder deutschschweizerischer Dialekt seine eigenen, charakteristischen Ausdrücke? Ein Vereinheitlichungsprogramm würde vieles vereinfachen. Irgendwann wäre die Schweiz dann ein wahrhaft einheitliches, unkompliziertes Land. Tod der Vielfalt, es lebe der Pragmatismus.

Was für eine aufregende Vision! Ist es das, was wir letztlich anstreben, worauf unsere gesamte Kultur hinarbeitet, bewusst oder unbewusst? Niemand scheint diese Frage zu stellen. Die Antwort könnte erschreckend ausfallen. Beschäftigen wir uns mit dem Problem des übersteigerten Pragmatismus, und fangen wir am besten gleich exemplarisch bei der Bedrohung des Rätoromanischen an. Es gibt ein Kulturgut zu retten und zugleich noch etwas über die postmoderne Gesellschaft zu lernen.

Denken Sie drüber nach. Meinungen in den Kommentaren sind erlaubt.

-Der Sprachbeschreiber