Montag, 24. November 2014

31: Rettet das Rumantsch..?

Der Kommentar ist eine tolle Textsorte. Da darf man als Journalist den Leuten zur Abwechslung mal so richtig die Meinung geigen. Und ich habe dereinst sogar einen Kommentar schreiben dürfen. Für ein Dossier rund um Sprache und Kultur des Kantons Graubünden, das wir an der Hochschule verfassten, sammelte ich zunächst Daten zur Sprachverwendung des Rätoromanischen und kommentierte den entsprechenden Bericht anschliessend. So stand es im Jahr 2000 (von da stammten vor zwei Jahren die aktuellsten vollständigen Daten) um das Rätoromanische:


Rang 10. Nicht nur die drei anderen Landessprachen, sondern ganze 6 weitere Varietäten werden in der Schweiz häufiger gesprochen. Zunächst war meine undifferenzierte Haltung: "Naja, wenn das keiner mehr benutzt, dann lasst es halt sterben." Die habe ich eigentlich immer noch. Ich musste allerdings einen kritischen Kommentar verfassen. Und beim Planen fand ich plötzlich Gefallen an der Vorstellung, mich gegen das Verschwinden der rätoromanischen Sprache auszusprechen. Ich schrieb und schrieb, ich schrieb mich in einen regelrechten Rausch, und ich bin durchaus glücklich mit dem reisserischen Text, der am Ende entstanden war. Bitte sehr:

Das Aussterben des Rätoromanischen
Die Zahlen zeigen es unmissverständlich: Die rätoromanische Sprache fristet mittlerweile ein beispielloses Aussenseiterdasein – sogar in ihrem Heimatkanton Graubünden. Welche Überlegungen löst diese Entwicklung bei kritischen Denkern aus? Im Folgenden ein Kommentar, der versucht, aufzuzeigen, was dabei auf dem Spiel steht, und welche Gefahren der Dynamik hinter diesem Prozess innewohnen.

Es lebe der Pragmatismus
Das Rätoromanische befindet sich auf dem Rückzug. Langsam verabschiedet es sich aus der Welt, wie der Röhrenfernseher, das Handy mit Tastatur und vielleicht sogar das Bankgeheimnis. Bei letzterem allerdings wird erbittert gegen das Verschwinden angekämpft. Es handle sich immerhin um ein Schweizer Markenzeichen, eine wertvolle Einzigartigkeit, auf die wir stolz sein könnten. Etwas, das die Schweiz zu dem mache, was sie sei – regelrechtes Kulturgut! So etwas ist doch schützenswert, nicht? Anscheinend nicht immer.

Ist das Rumantsch etwa kein „echtes Stück Schweiz“, kein kostbares Einzelstück, das einen nicht unerheblichen Farbton zu unserer bunten Kulturlandschaft beiträgt? Offenbar wird dieses Thema mit grosser Gleichgültigkeit und viel Pragmatismus behandelt. Nehmt lieber Deutsch, das ist praktischer. Bringt euren Kindern kein Rätoromanisch bei, das sorgt nur für Verwirrung und hat keinerlei praktischen Nutzen. Man muss sich ganz einfach fragen: Ist eine Sprache nicht mehr als ein Werkzeug für Kommunikation? Ist sie nicht Kultur, Identität, ein Stück Heimat?

Wenn die Leute eine Sprache zum Mittel zum Zweck herabstufen und  letztlich dazu bereit sind, sie der Einfachheit halber aussterben zu lassen, dann ist das bedenklich. Das Regime des spanischen Diktators Francisco Franco erhob seinerzeit das Kastilische zur einzigen Landessprache und untersagte die Verwendung aller übrigen Varietäten. Die aktuellen Entwicklungen scheinen zu einer unbewusst voranschreitenden Ausrottung des Rätoromanischen zu führen, die in ihren Auswirkungen letztlich einem Verbot nahezu gleichkäme.

Entwicklungen wie diese, der die Bündner Sprache zum Opfer zu fallen droht, sind charakteristisch für die Megatrends der Zukunft, die sich heutzutage am stärksten in der Technik zeigen: Miniaturisierung, Funktionsintegration – es muss alles schneller, einfacher, unkomplizierter gehen. Denken Sie an Geräte wie das iPhone. Es vereint auf engstem Raum ein Telefon, einen Taschenrechner, einen MP3-Player, eine Fotokamera und noch vieles mehr. Man braucht weniger Geräte und hat mehr Platz. So zeigen sich diese Trends in der Technik. Es besteht nun die Tendenz, dass diese ihren Einfluss im grossen Stil ausweiten und auch andere Bereiche des menschlichen Lebens beeinflussen. So gerät über kurz oder lang die kulturelle Vielfalt in die Schusslinie, in diesem Fall die sprachliche Diversität – sie erhöht den Aufwand für Kommunikation und somit auch den Aufwand in allen Bereichen, in denen kommuniziert wird. Eine Reduktion aufs Deutsche würde den Trends entsprechend vieles einfacher, praktischer gestalten. Daraus könnte dem Rätoromanischen diese Bedrohung erwachsen sein, die sich schleichend vergrössert hat. Bald ist es wahrscheinlich zu spät für Rettungsaktionen.

Möglicherweise wird die Germanisierung des Bündnerlandes in absehbarer Zeit nicht mehr zu bremsen sein. Wie geht es dann weiter? Man könnte dann irgendwann auch darauf kommen, dass das Französische und das Italienische dem Deutschen in der Schweiz im Weg stehen. Wenn diese beiden abgeschafft wären, könnte man zum Beispiel endlich Schluss machen mit all den unübersichtlichen dreisprachigen Produktbeschriftungen! Und wozu braucht jeder deutschschweizerischer Dialekt seine eigenen, charakteristischen Ausdrücke? Ein Vereinheitlichungsprogramm würde vieles vereinfachen. Irgendwann wäre die Schweiz dann ein wahrhaft einheitliches, unkompliziertes Land. Tod der Vielfalt, es lebe der Pragmatismus.

Was für eine aufregende Vision! Ist es das, was wir letztlich anstreben, worauf unsere gesamte Kultur hinarbeitet, bewusst oder unbewusst? Niemand scheint diese Frage zu stellen. Die Antwort könnte erschreckend ausfallen. Beschäftigen wir uns mit dem Problem des übersteigerten Pragmatismus, und fangen wir am besten gleich exemplarisch bei der Bedrohung des Rätoromanischen an. Es gibt ein Kulturgut zu retten und zugleich noch etwas über die postmoderne Gesellschaft zu lernen.

Denken Sie drüber nach. Meinungen in den Kommentaren sind erlaubt.

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 10. November 2014

30: Inspiriert vom Känguru #2: So geht das Sprichwort nich'!

"Also?", fragt das Känguru. "Was?", frage ich. "Ich hör' dich nicht singen", sagt das Känguru. "Das liegt daran, dass ich nicht singen werde", sage ich. "Wieso denn nich'?", fragt das Känguru. "Weil ich gar keine Lust auf deine blöde Geschichte habe", sage ich. "Na na, was is' uns denn für eine Maus über die Leber gelaufen?", fragt das Känguru. "Erstens is' uns gar nichts über die Leber gelaufen, und wenn uns was über die Leber gelaufen wäre, dann wäre das zweitens eine Laus und keine Maus gewesen". "Wieso?", fragt das Känguru. "Weil man das eben so sagt, verdammt nochmal, eine Laus läuft über die Leber, eine Laus, keine Maus!". "Was soll denn das für einen Sinn ergeben?", fragt das Känguru. "Was weiß ich", rufe ich. "So geht das Scheiß-Sprichwort nun mal! Eine Laus läuft über die Leber!". "Diese Antwort befriedigt mich nicht", sagt das Känguru. "Man darf nie aufhören, alles kritisch zu hinterfragen!". "Ah ja?", sage ich. "Dann hinterfrag mal das: Fick dich!". "Das is' wirklich keine Art", sagt das Känguru. Schweigen.
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2009): Die Känguru-Chroniken)



Es gibt, wie Ihnen vielleicht bekannt ist, verschiedenste Dinge, die mich gelegentlich so ein klein wenig stören können, wenn ich andere reden höre. Eins davon ist, wie bei unserem guten Marc-Uwe hier, ungenaues Zitieren. Es kommt immer wieder vor: Jemand zitiert etwa eine Stelle aus einem guten Buch oder Lied oder ein Sprichwort - was an und für sich meist schön und gut ist, da es die Sprache bunter und reichhaltiger macht - gibt aber nicht den genauen Wortlaut wieder. Und warum stört mich das? Weil coole Stellen aus guten Büchern oder Liedern und etablierte Sprichwörter aus bestimmten Gründen genau so formuliert wurden, wie sie eben formuliert sind. Das ist zu einem grossen Teil für Wirkung und Erfolg solcher Texte verantwortlich. Und über diese Wirkung und die Wege, die dort hin führen, möchte ich in diesem Blogeintrag schreiben. Ich spreche von der "Redekunst", der Rhetorik. Und mit dieser müssen wir uns kurz auseinandersetzen, wenn wir die Frage des Kängurus befriedigend beantworten wollen.

Rhetorische Mittel beeinflussen unsere Wahrnehmung eines Textes. Sie stimulieren gewissermassen den Verstand und fördern Lesegenuss und Einprägsamkeit. Reime empfinden wir etwa als schön und einprägsam. Einfaches Beispiel: Songtexte. Wenn die sich nicht reimen würden - wären Sie dann genauso begeistert von Ihrem Lieblingssong? Weiteres Beispiel: Eselsbrücken. Die soll man sich ja merken können. Wenn Sie die studieren, wird Ihnen vornehmlich der Reim begegnen. Was rhetorische Mittel anbelangt, gibt's da aber noch so einiges mehr. Auf der höheren Ebene finden sich da unter anderem der Vergleich, die Wiederholung, die Verdeutlichung, das Zitat, die Steigerung, der Gegensatz oder natürlich die rhetorische Frage. Inhalte aus dem Rhetorikarsenal auf einer tieferen Ebene zeigt die folgende Liste aus einer ZHAW-Textanalysevorlesung:


Ob bezaubernde Gedichte, fesselnde Romane oder beeindruckende Reden - erfolgreiche wirkungsvolle Texte bedienen sich stets eines gewissen Masses an rhetorischen Mitteln. Meine kommunikationswissenschaftliche Arbeit im vierten Semester hat am Beispiel von Predigten bestätigt, dass der Einsatz rhetorischer Darstellungsmittel ein entscheidender Faktor ist, wenn es darum geht, ob und wie Leute die wichtigsten Aussagen eines Vortrages verstehen. Unser Gehirn scheint Freude zu haben an solchen Mitteln, vielleicht deswegen, weil es dabei Muster mit einer gewissen Ordnung in der sonst so beliebigen Sprache erkennen kann. Man kann seine Aussagen dem Gehirn so quasi sprachlich unter die Nase halten, sie ihm schmackhaft machen und ihm einen Moment lang die Gelegenheit offerieren, sie auf seine Weise aufzunehmen.

Der "Witz" hinter dem beim Känguru erwähnten Sprichwort liegt nun meines Erachtens in der Alliteration: Laus und Leber können's gut zusammen. Deswegen läuft da keine Maus, kein Wildkaninchen und kein Okapi. Dennoch muss ich dem Känguru in puncto Hinterfragen Recht geben - inhaltlich ist die ganze Sache damit noch nicht so recht geklärt. Meine Recherchen ergaben, dass in früheren Zeiten die Leber als Sitz der Gefühle angesehen wurde. Deswegen stellte man sich bildhaft vor, dass da etwas drüber"gelaufen" sein müsse, wenn jemand griesgrämig war. Man benutzt die Redewendung auch nur dann, wenn jemand ein klein wenig mies gelaunt ist; entsprechend ist die Grösse des Tiers ausgefallen.

Na, was gelernt? Mal sehen, wie's beim Känguru aussieht...

"Biste eingeschnappt?", fragt das Känguru. "Wieso?", frage ich eingeschnappt. "Wieso sollte ich eingeschnappt sein?". "Weiß nich'", sagt das Känguru."Aber du wirkst wie eine kleine beleidigte Teewurst." "Leberwurst." "Nein nein, Teewurst, man sagt Teewurst." "Tut man nich'". "Doch." Ich verdrehe die Augen. "Na von mir aus", sage ich. "Dem Klügeren wird nachgegeben!", sagt das Känguru. "So geht das Sprichwort nich'!". "Doch." "Nein!" "Doch." "Wie du meinst..." "Siehst du?".
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2014): Die Känguru-Offenbarung)

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 27. Oktober 2014

29: Über einen Abend mit Bastian Sick

Da sah ich doch letztens ein Plakat am Strassenrand: Bastian Sick, vielleicht der kommerziell erfolgreichste Sprachbeschreiber der Geschichte, würde am 16. Oktober in Zürich auftreten. Mir war sogleich klar: Nichts wie hin! Im Folgenden ein Bericht über den Abend, den ich nebst Freundin im Volkshaus erleben durfte.


"Füllen Sie sich wie zu Hause" - so der Titel des Programms, ein laut Broschüre für Bastian Sick geradezu charakteristisches Wortspiel, das nicht nur banale Wortspielerei ist, sondern einen gewollten neuen Sinn hat: Man solle den Abend nutzen, um den eigenen Verstand mit Bonmots, Sprachspielereien und allerlei anderem Interessantem und Skurrilem anzureichern.

Die Vorstellung beginnt mit einem Video, in dem Herr Sick erst einmal ausführlich vorgestellt wird. Man erfährt, dass er zuerst Lehrer werden wollte, dann aber Korrekturleser wurde, durch seine Kolumne "Zwiebelfisch" deutschlandweit bekannt wurde und in Zusammenarbeit mit anderen Experten in der Köln-Arena die Guinness-zertifizierte grösste Deutschstunde der Welt abgehalten hat. Mittlerweile hat er im Auftrag des Goethe-Instituts mit seinen Vorstellungen und Lesungen auch Südamerika und weite Teile Europas besucht. Nach dem Video tritt Herr Sick dann persönlich auf die Bühne. Er berichtet zum Einstieg von der Rolle der Vögel in unserer Sprache. Obwohl wir sie doch eigentlich bewundern würden, dienten sie in der deutschen Sprache doch eher für das Ausdrücken von Spott und Hohn. Er berichtet von Rabenmüttern, Schmutzfinken und Dreckspatzen, Nachteulen, Schluckspechten und Schnapsdrosseln. Doch Vorsicht - Drossel hiess ursprünglich "Kehle", daher ist mit letzterem eigentlich kein Vogel gemeint. Auch der Kuckuck ist in der Sprache zumeist buchstäblich ein falscher Vogel, da er als Platzhalter für den Teufel zu dienen pflegte, dessen Name im Mittelalter auszusprechen sich viele nicht trauten (ich liebe diesen Satz. Eigenkonstrukt. Nicht abgekupfert, ehrlich). "Und dann kriegen wir an den Augen Krähenfüsse und an den Füssen Hühneraugen! Solche anatomischen Wunder machen die Vögel in unserer Sprache möglich, meine Damen und Herren!".

Sick liest aus Zeitungen vor: "Der junge Mann wurde von dem Hund verfolgt, attackiert, gebissen - und ambulant ärztlich versorgt." Wir erfahren, dass die in Amerika einfallenden Europäer in der Regel einen Indianerstamm aus der Gegend nach den Namen der umliegenden Stämme fragten. Wie sehr bzw. eben wie wenig sich diese Stämme mochten, kann man den Namen ansehen: Hinter klingenden Bezeichnungen wie Sioux, Apache oder Cheyenne verstecken sich Bedeutungen wie "Feinde", "die zu Fuss gehen" (der benennende Stamm hatte bereits Pferde), "kleine Anderssprechende" oder "Bauern". Fast alle Stämme haben kaum bekannte Namen für sich selbst, die "Menschen/Volk" bedeuten. Es geht weiter mit fotografischen Dokumentationen sprachlicher Missgeschicke. "Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein... falsch gedacht, weit ist der arme Junge nicht gekommen: Dieser Laden hier verkauft Hänschen-Geschnetzeltes!". Auch das beleckte Brötchen, die Länder Belgesien, Spananien oder Grieschland, das Popmone, ein vierköpfiges Alpentrio, Outdoormode für draussen oder ein Google-Hopf strapazieren die Lachmuskeln und zeigen unter anderem die Abhängigkeit des postmodernen Deutschen von elektronischen Schreibhilfen.

In der englischen Zeitung "The Guardian" habe sich kürzlich ein Journalist mit den ellenlangen Komposita der deutschen Sprache befasst, mit diesem Beispiel als Aufhänger, für das er ganze 13 Worte zur Erklärung gebraucht habe:


Es gebe sogar einen offiziellen Weltrekord für das längste Wort der Welt, erzählt Sick. Dieses Faktum führt er dann sogleich ad absurdum, indem er einen neuen Weltrekord bastelt, der da lautet: "Unterhaltungselektronikeinzelhandelverkäuferweiterbildungswochendendseminarteilnehmerliste". Dann eines der grossen Sorgenkinder meinerseits: Die post moderne Getrennt Schreibung. Da werben Firmen mit Slogans wie "24 Monate ohne Grund Gebühr" oder "Wir machen Ihren Computer fit und Viren resistent" - grosse Klasse. Autonamen regen Sicks Fantasie an: FIAT = Fahrer Im Auftrag des Todes. GOLF = Ganz Ohne Luxus Fahren. OPEL = Offensichtlicher Pfusch eines Lehrlings. SEAT = Sehen. Einsteigen. Aussteigen. Totlachen. BMW = Bei Mercedes Weggeworfen. FORD = Für Opa Reicht Das. Und wussten Sie, dass "möchte" der Konjunktiv 2 von "mögen" ist? Es gibt dennoch Grammatiktabellen, in denen "möchten" als eigenständiges Verb durchkonjugiert wird: Ich möchtete, ich werde gemöchtet haben. Vom veraltenden Konjunktiv 2 - von Sick mit einem tollen Gedicht gewürdigt - wird übrigens in einer von einem deutschen Bundesamt herausgegebenen Heft mit dem Titel "Leichte Sprache" abgeraten, genauso wie etwa vom Genitiv oder von angeblich schwierigen Wörtern wie "genehmigen", das man etwa durch "erlauben" ersetzen solle. "Darauf werde ich mir im Hotel erstmal ordentlich einen erlauben", meint Sick dazu.

Nun, wie ist die ganze Sache zu bewerten? Bastian Sick bleibt seiner Linie treu, er bringt bis auf ein paar meiner Meinung nach mässig begeisternde Gesangseinlagen nichts völlig Neues in sein Programm ein. Aber es funktioniert, die Leute halten sich den Bauch vor lachen und lernen was. Denn dass sich Sick treu bleibt, erlangt seine Berechtigung doch gerade vor allem daraus, dass sich die durchschnittliche Sprachkompetenz im deutschen Sprachraum kaum in Richtung einer Besserung sich zu bewegen im Begriff ist. Also sage ich: Klasse, weiter so, Herr Sick! Sie sind für mich ein Vorbild - sprachliches "Infotainment" vom Feinsten machen Sie da.

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 13. Oktober 2014

28: Inspiriert vom Känguru #1: Die Meinung des Autors

"Ich habe ein Manifest verfasst voller Witz und Weisheit", schimpfe ich innerlich brodelnd, "einen Fels in der Brandung stumpfer Pipikaka-Witze, eine Rettungsboje für alle, die etwas faul dünkt an dieser widerwärtigen Weltordnung, ein Buch voll tucholskyschem Witz, voll orwellscher Weitsicht, voll beckettscher Radikalität..." "Voll goethescher Bescheidenheit", wirft das Känguru ein. "Eine grosse Satire über ein idealistisches wenn auch leider wahnsinniges Känguru und seinen flexiblen, belastbaren, innovativen, kreativen, teamfähigen, begeisterungsfähigen und kreativen Begleiter..." "So beruhige dich doch", sagt mein Agent eindringlich, "bitte bitte, die Leute kucken schon..." "LASS SIE DOCH KUCKEN! ICH BIN KÜNSTLER! DIE LEUTE SOLLEN MIR ZUKUCKEN! ICH BIN KÜNSTLER!" "Kleinkünstler", sagt das Känguru. "NEIN NEIN NEIN!" rufe ich, "KÜNSTLER! Nichts geringeres als einen modernen Don Quijote habe ich verfasst! (...)". Aus: Kling, Marc-Uwe: Die Känguru-Offenbarung (2014)

Willkommen zu einer neuen Eintragsreihe, liebe LeserInnen!
Diese Serie greift Ausschnitte aus einer Buch- bzw. Hörbuchtrilogie auf, die in der einleitenden Passage quasi von sich selbst vorgestellt wird und die mich als grossen Fan gewonnen hat. Alles beginnt damit, dass ein kommunistisches Känguru beim Kleinkünstler Marc-Uwe einzieht und damit anfängt, dessen Leben ordentlich auf den Kopf zu stellen. Immer wieder finden sich in den gesellschaftskritischen und zum Schreien komischen Büchern spannende & witzige Passagen, die sich mit Sprache beschäftigen. Steilvorlagen, die ich für Blogposts zu nutzen gedenke.

Beginnen möchte ich mit einer weiteren Passage aus Teil 3, der Känguru-Offenbarung. Deren Thema hat mich in letzter Zeit besonders beim Scrollen auf Facebook beschäftigt:

Ich zeige dem Känguru meinen Becher und es liest: "'Wir sind die erste Generation in der Geschichte, welche die extreme Armut abschaffen kann. Das ist unser Glück, unsere Herausforderung und unsere Verantwortung. -Jeffrey Sachs'". Das Känguru blickt mich an. "Was ist daran lustig?". "Das Kleingedruckte unten". Das Känguru liest vor: "'Das ist die Meinung des Autors und nicht notwendigerweise die Meinung von Starbucks'". "Ist es nicht schön, wenn die PR-Abteilung und die Rechtsabteilung so wunderbar Hand in Hand arbeiten?", frage ich. "Ich finde, andere Konzerne sollten das übernehmen. Zum Beispiel: 'Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. -Antoine de Saint-Exupéry. Das ist die Meinung des Autors und nicht notwendigerweise die Meinung von Fielmann.'". "'Nicht notwendigerweise die Meinung', das ist so feige!", sagt das Känguru kopfschüttelnd. "Das regt mich wirklich auf! Entweder man macht 'ne Ansage oder man hält die Klappe! Aber 'ne Ansage zu machen und sich dann sofort vorsorglich davon zu distanzieren, BÄH! (...) Ich hätte grosse Lust, den Leuten volle Kanne gegen das Schienbein zu treten und danach zu sagen: 'Ich distanziere mich hiermit von dem Tritt gegen das Schienbein!'. (...)".

In Post #5 berichtete ich: Meinen Beobachtungen zufolge werden persönliche Meinungen recht oft sprachlich nicht als solche gekennzeichnet; immer seltener sagen die Leute "ich finde", "meiner Meinung nach" etc. Ich hatte mich damals nach dem Grund dafür gefragt und war zum Schluss gekommen, dass es sich in erster Linie um Bequemlichkeit handeln dürfte. Und was musste ich feststellen? Das ist in vielen Fällen leider nicht zutreffend. Oh nein, das war eine realitätsferne Bilderbuchdarstellung. Die Leute halten ihre Ansichten anscheinend oft tatsächlich für die objektive Wahrheit. Sie sehen zum Beispiel, wie sich jemand bei etwas erfolglos abmüht, und kommentieren: "Ach komm, das ist jetzt wirklich nicht schwer!". Das mag für dich gelten, aber nicht für jeden. Immer wieder erlebe ich etwas vom Sinnlosesten, was man mit Sprache überhaupt anfangen kann: Geschmacksdiskussionen. "Ich mag keine Orangen." "Doch, iss. Orangen schmecken gut." "Nein, die sind voll eklig." Viel Erfolg beim Versuch, herauszufinden, ob Orangen aus objektivem Blickwinkel lecker sind oder nicht. Meine Güte, diese Verallgemeinerungen eigener Ansichten. So ein zeitverschwendender Disput kann ganz einfach durch etwas mehr sprachlichen Aufwand in Form von "ich finde" o.ä. beigelegt werden. Merken Sie sich das!

Und wie uns die Passage aus der Känguru-Offenbarung demonstriert, geht die Sache mittlerweile noch weiter: Die Leute machen grosse Ansagen, und wenn man genauer nachfragt, findet man heraus, dass sie gar nicht wörtlich dahinter stehen. Sie wollten nur ein wenig Drama machen, ein bisschen cool wirken oder im besten Fall eine Diskussion anheizen. Alle drei Arten solcher Falschaussagen gehen mir auf die Nerven. Die einzige, die ich teilweise OK finde, ist die mit romantischen Absichten: "Du bist die schönste und tollste Person auf der ganzen Welt und ich kann nicht ohne dich leben!". Die Wahrheit ist, dass niemand 100%ig hinter dieser süssen Aussage stehen kann. Aber solang der Partner genug für einen ist, wäre es einfach nur doof und unsensibel, ganz differenziert die Fakten auf den Tisch zu legen.

Nein, was mich stört, das sind Falschaussagen, die mit Politik, sozialen Problemen etc. zu tun haben. Auf Facebook boomt das. Immer öfter findet man Bilder und Statusmeldungen mit undifferenzierter, reisserischer Aussage. "Den Frauen allein gehört die Zukunft!" "Das Problem sind die Linken!" "Fuck Israel!". Es ist eben prägnanter, schlagkräftiger, cooler, wenn man so einen kurzen, plakativen Ausruf tätigt. Darunter hitzige Diskussionen in den Kommentaren. Schlecht informierte Hobbyextremisten klicken mit diabolischem Grinsen "Gefällt mir". Und dann erscheint plötzlich ein Kommentar der postenden Person: "Heeyy Leude beruhigt euch mal ich hab das nich so wörtlich gemeeeint LOL".

Meine Frage ist ganz einfach: Warum postest du das dann in deinem Namen?! Warum positionierst du dich in einer Debatte öffentlich mit einem Statement, hinter dem du gar nicht stehst?! Stellen Sie sich vor, jemand geht mit einem T-Shirt in eine Pizzeria, auf dem steht: "I LOVE HAM" und kommt zur Theke. Der Pizzaiolo lächelt und fragt: "Guten Tag, was darf's denn sein? Nein, lassen Sie mich raten: Eine Pizza Prosciutto?". "Oh, tut mir leid, ich steh' nicht so auf Prosciutto!". "Warum tragen Sie dann dieses T-Shirt?!". "Ach soo! Na ja, weil es cool ist :D Der wörtliche Inhalt ist ja nicht so wichtig". Ganz ehrlich: Finden Sie das nicht auch bescheuert? Sich in aller Öffentlichkeit in einer Frage zu positionieren, weil das cool ist, und nicht etwa, weil man tatsächlich dieser Meinung ist? Und dann noch überrascht zu sein, wenn einen die Leute beim Wort nehmen? Ich für meinen Teil zitiere noch einmal das Känguru: "Entweder man macht 'ne Ansage oder man hält die Klappe!". Denn wenn der Graben zwischen Sagen und Meinen aus diesem Trend heraus weiter wächst, dann wird Kommunikation in Zukunft immer anspruchsvoller werden. Sagen Sie doch einfach, was Sie meinen. Einverstanden?

-Der Sprachbeschreiber