Samstag, 3. Oktober 2015

35: "Die Präsidentenrunde" - Linguistische Analyse zur Wahlkampfbilanz-Arena

Haben Sie das gesehen? Am 2. Oktober 2015, Freitagabend, um 22:25 Uhr auf SRF 1? Die Arena zum Ende der Wahlkampfperiode ging über die Bühne. 8 höchste oder beinahe höchste Tiere aus den 8 grössten Schweizer Parteien standen einander gegenüber, um Bilanz über den Wahlkampf zu ziehen. Das Konzept: Der Wahlkampf einer Partei wurde jeweils vorgestellt, und die anderen Präsidenten bzw. Co-Präsidenten mussten darüber sprechen. Als ich von dieser Ausgangslage hörte, wusste ich gleich: Die Sprache dieses Abends sollte beschrieben werden. (Bild: srf/Oscar Alessio)

In meiner Bachelorarbeit hatte ich bereits Politsprache untersucht, und daher wusste ich, worauf zu achten sich wahrscheinlich lohnen würde. Und da die Parteipräsidenten sich ja irgendwie zu ihrer Position aufgeschwungen haben müssen, handelt es sich bei ihnen in der Regel um Charakterköpfe, die einen individuellen Sprachgebrauch pflegen - es war also mit Originalität und Überraschungen zu rechnen.

Der Gewinner in der Kategorie "Metapher des Abends" ist für mich Christian Levrat (SP), dessen gutes, aber halt nicht ganz perfektes Deutsch schon eine Faszination an sich darstellt:

Levrat: "Dass die SVP die Brandstifter in diesem Thema tun, überrascht wohl niemand. Und es hat sich in der letzten Session im Parlament gezeigt, dass die Brandstifter auch kein Interesse haben an Feuerschutzmassnahmen oder an der Feuerwehr."

Auch CVP-Präsident Darbellay zieht Levrats Hochdeutsch mit französischem Touch offenbar sehr in seinen Bann. Als er sich einmal nahtlos direkt im Anschluss an Levrat äussert, spricht er fast eine halbe Minute lang dessen Hochdeutsch, bevor es mitten im Satz zum Code-Switching kommt und er abrupt wieder auf Schweizerdeutsch weiterfährt - faszinierend.

Problembehaftetes Konzept
Nun habe ich anfangs von "hohen Tieren" gesprochen. Und Tiere sind diese Parteipräsidenten in gewissem Sinne auch, mit wenigen Ausnahmen: Sie rangeln gern mit ihren Artgenossen und wollen die Runde dominieren und Konkurrenten ausschalten. Ich war gespannt, wie gut sich das mit dem Sendungskonzept des Sprechens über andere Parteien statt der eigenen vertragen würde. Moderator Jonas Projer legte los:

Projer: "Die Wahlstrategie der SP. Toni Brunner - Herumtelefonieren ist das Rezept der Genossen, da muss man eigentlich sagen: Eine sehr gute Idee, der direkte Kontakt mit dem Volk."
Brunner: "Es gäbe noch ganz andere Möglichkeiten, zum Beispiel wie es die SVP macht..."
Projer: "Aber bleiben Sie doch noch ganz kurz bei der SP!" (Bild: srf)

Ich sass grinsend vor dem Bildschirm und notierte: "Sendekonzept geht Bach runter". Und Moderator Projer musste das geahnt haben: Kaum sagte Toni Brunner "SVP", fiel ihm der Moderator ins Wort. Insbesondere bei Toni Brunner, aber auch sonst ging es fast die gesamte Sendung lang so weiter. Das Sendungskonzept sorgte dafür, dass Moderator Projer die PolitikerInnen immer und immer wieder unterbrechen musste. Warum war das Konzept kein Erfolg? Der Sprachbeschreiber hat zweierlei Gründe festgestellt:

Erstes Problem: Suboptimale Fragen
Projers Fragen enthielten fast immer Dynamit. Gegenüber Herrn Levrat ging er wohl am naivsten vor, indem er den SP-Präsidenten sogar explizit nach den Schwächen von dessen Partei fragte:

Projer: "Ja, Christian Levrat, die Freisinnigen zeigen, wie's geht: Man muss Freude an der Politik wecken, man muss mit der grossen Kelle anrichten und die Leute begeistern - warum schaffen Sie das nicht?"
Levrat: "Und vielleicht auch noch bei der FDP sagen woher sie diese Millionen haben, die sie plötzlich seit Januar auf die, auf die Schweiz wenden. Wir schaffen es. Wir sind die Partei, die am meisten Mitglieder auf der Strasse hat..."

Ein Tor, wer glaubte, dass Levrat im Anschluss tatsächlich nur über die FDP sprechen würde - Projer zielte mit dieser Formulierung eindeutig auf eine Antwort zur SP ab. Auch extrem naiv seine Frage an SVPler Toni Brunner zur CVP, bei der er behauptete, ausser der CVP würde sich niemand für die Familien einsetzen:

Projer: "Warum ist es eigentlich nur die CVP, die in den Wahljahren und in allen anderen Jahren für die Familie einsteht? Eigentlich müsste doch jede Partei für die Familie einstehen..?"
Brunner: "Das tun sie auch, zumindest, wenn ich an meine Partei denke..."

In dieser Frage steckte eine Präsupposition in Form eines Vorwurfs, eines Vorwurfs unter anderem an die SVP, und da äussert sich der gute Herr Brunner dann natürlich dagegen und berichtet von seiner Partei und nicht von der CVP - damit mussten Sie rechnen, mein lieber Herr Projer! Der Provokations-Sprengstoff war zwar nicht in allen Fragen ganz so explizit zu hören, aber er war fast ausnahmslos drin: Herr Projer lobte den jeweils vorgestellten Wahlkampf oft als Superstrategie und formulierte somit meist die Präsupposition, dem Wahlkampf des Parteimitglieds, das er gerade befragte, habe es an etwas gemangelt. Und solche Vorwürfe lassen diese Leute nun mal nicht einfach so auf sich sitzen. (Bild: srf)

Zweites Problem: Politische Sprechgewohnheiten
Für die meisten Parteipräsidenten gilt: Man sagt "wir" und "ich", man spricht positiv vom eigenen Programm und den eigenen Stärken, um die WählerInnen zu beeindrucken. Und wenn man sich einmal zu Gegnern äussert, dann negativ, damit die eigene Partei noch besser dasteht und möglichst niemand auf die Idee kommt, die andere Partei könnte man ja vielleicht auch wählen. Darin sind die allermeisten grossen Parteivertreter sehr konsequent, und das steht im krassen Gegensatz zum Sendungskonzept. Ganz selten fiel aber doch immerhin eine positive Äusserung zu einem Gegner - CVP-Darbellay lobte etwa den Wahlkampf der FDP. Die "Pflegeleichtesten" waren insgesamt wohl Marianne Streiff-Feller (EVP) und Martin Landolt (BDP) - die mussten so gut wie nie von Dompteur Projer unterbrochen werden.

Wenn man Projer zuhörte, musste man feststellen, dass er anscheinend positive Äusserungen zu den anderen Parteien hören wollte - und das ist in der Politik eine Rarität. Man macht keine Zugeständnisse, und wenn, dann relativiert man diese sofort und erwähnt, dass die eigene Partei das Ziel viel effizienter verfolge. Der sprachliche Fokus - in erster Linie natürlich der Positive - liegt auf der eigenen Partei und den eigenen Themen, wenn Parteipräsidenten etwas sagen. Das wird auch von ihnen verlangt, gerade im Wahlkampf.

Fazit
Unter dem Strich war das Sendungskonzept von SRF zwar mutig, aber naiv konzipiert und naiv umgesetzt von Herrn Projer, der aber immerhin engagiert und konsequent für Ordnung sorgte. Man erhielt einen knappen Überblick über die Parteienlandschaft und die aktuellen Themen - aber zu keinem Zeitpunkt konnte man wirklich in die Tiefe gehen, das war schade und das bedauerten auch die PolitikerInnen, die sich abschliessend zum Erfolg des Konzepts äussern durften. Ihnen brannte vieles unter den Nägeln, das im Konzept keinen Platz hatte. (Bild: srf)

Mein Tipp für's nächste Mal: Wenn's mit dem Sprechen über andere Parteien klappen soll, dann wäre es zunächst einmal vor allem wichtig, objektivere Fragen zu stellen, die nicht explizit oder implizit als Provokation an die Befragten daherkommen. Es wäre auch einen Gedanken wert, ein bisschen "Tabu" zu spielen und den Gebrauch des eigenen Parteinamens und von Pronomen der ersten Person zu untersagen: Verstösst jemand dagegen, geht sein Mikrofon aus. Das wäre der Ordnung sicher zuträglich. Die Frage ist lediglich, ob es auf Begeisterung stossen würde. Denn wie wir gesehen haben, sind die PolitikerInnen darauf ausgerichtet, über eigene Themen zu sprechen. Und das sollen sie ja auch tun. Die WählerInnen können selbst entscheiden, was ihnen an den Parteien gefällt und was nicht - man muss es nicht den Parteivertretern aufbürden, gegenseitig ihre Vorzüge zu präsentieren, die sie ja entweder gar nicht oder bei ihrer eigenen Partei genauso sehen, sonst hätten sie sich ja nicht für ihre Partei entschieden. Ein mutiges Konzept, sicherlich - aber letzten Endes aus meiner Sicht keines mit Zukunft.

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 16. Februar 2015

34: Automatic language

Na da brat' mir doch einer 'n Storch (Sprichwort), es ist 2015. Und ich blogge jetzt mal frisch und fröhlich (Alliteration) weiter - der regelmässige Rhythmus (Alliteration & Pleonasmus) wird aber ab jetzt abgeschafft, da für mich gerade ein nicht gerade unbedeutendes (Litotes) Semester beginnt. Lassen Sie sich also einfach gelegentlich von einem Post überraschen, OK? Bestens. Für den ersten Post dieses Jahres habe ich mir das Analysematerial vollautomatisch produzieren lassen. Und zwar von meinem Handy.

Es wird ja kaum mehr handschriftlich geschrieben. Heutzutage wird vornehmlich getippt, auf echten
oder virtuellen Tastaturen, und das bringt neue Probleme mit sich, die wiederum mit neuen Schreibhilfen bekämpft werden. Beim Computer werden Wörterbücher angelegt, und die Daten daraus werden beim Schreiben mit dem verfassten Text abgeglichen. Scheint ihm ein Wort zu abgefahren, und kennt er ein Wort, das fast gleich geschrieben wird, so schlägt er dieses vor. Dazu kam irgendwann die Implementierung grammatischer Regeln, so dass uns Microsoft Word inzwischen auch auf falsche Deklination und ähnliches aufmerksam machen kann (in vielen Fällen schlägt es aber auch einfach nur Quatsch vor).

Bei kleinen Handytastaturen trifft man des öfteren nicht genau alle gewünschten Buchstaben, und deshalb können Smartphones mittels Autokorrektur Wörter vorschlagen (bzw. aufzwingen), die man vielleicht hatte schreiben wollen, weil die Finger in der Nähe der passenden Buchstaben vorbeigekommen waren. Die Entwickler der Swype-Technologie machten sich diese Technik zunutze und erfanden ein Schreibsystem, bei dem man nur eine Linie über die gewünschten Buchstaben auf der Tastatur zu zeichnen braucht, worauf aus den Buchstaben, bei denen die Linie die Richtung ändert, mögliche Wörter zusammengebastelt und vorgeschlagen werden. Das Handy lernt dabei neue Wörter, die man benutzt (der Schweizerdeutsch-Lernprozess meines Handys fasziniert mich ungemein), und speist zum Beispiel auch Namen aus dem Telefonbuch ein. Interessant wird es zum Beispiel dann, wenn man beispielsweise einen Text swypet und immer den jeweils zweiten Vorschlag annimmt. Bestaunen Sie im Folgenden die "zweitwahrscheinlichsten Varianten" zweier bekannter Texte.

Alte meiner erbrechen
Schwetzingen aus drum SE
Köpfen Asus den war schwatzen ihn dir hob.

Vatter unsere um hinten
Gehofft Werder sein nannte.
Sein Rettich könne, sein Wolke geschüttet, wow um Hummel, si aus Dem.

Besonders spannend: Manche Wörter kamen mehrmals vor, aber beim Swypen wurde nicht der selbe zweitwahrscheinlichste Vorschlag angegeben, was mich fragen lässt, wie denn da die Kriterien fürs Vorschlagen lauten... Auf jeden Fall würde es da nicht schaden, die Beziehungen zwischen den Wörtern zu beachten. Aber auch das können die Smartphones ja inzwischen.

Grosse Textmengen werden höchstwahrscheinlich in die Handys eingespeist - wahrscheinlich Korpora aus typischen SMS-Konversationen -, damit sie lernen, welche Worte beim Simsen oft aufeinander folgen, und möglicherweise passende Wörter vorschlagen können. Mit der Zeit lernt das System dann auch, was der Nutzer am meisten hintereinander schreibt (weswegen mich der Vorschlag im Bild oben doch etwas nachdenklich macht). Der Autovervollständiger ist ein linguistisch ungemein interessantes Phänomen. Auf meinem Windows Phone gibt es ihn nur auf Englisch. Hier sehen Sie, von welchen drei Wörtern manche Wörter laut Windows offenbar am meisten gefolgt werden:


Die Vorschläge hier sind ziemlich naheliegend... Not bad. Mal sehen, wie das weitergeht:



"Please help" auf Rang 1? Wenn das System so funktioniert, wie ich es erklärt habe, also mit eingespeisten echten SMS-Nachrichten, dann könnte man da auf eine "Great Depression" in der Bevölkerung oder sowas schliessen. Es folgt "Please don't". Es gibt also viel Uneinigkeit und Misstrauen; man muss den Leuten vieles ausreden/verbieten..? Und dann noch "Please contact" auf Rang 3... Das klingt mir irgendwie zu formell für einen echten, authentischen SMS-Korpus und wirft erneut die Frage auf, welcher Art die Nachrichten waren, die hier verwendet wurden, um das Handy zu "unterrichten".

Kuck an, kuck an. Wenn man von sich selbst schreibt, geht es also vor allem darum, was man hat (oder getan hat), was man denkt (oder meint) und was man ist (oder gerade tut). Spricht man den anderen an, so geht es darum, was er (tun) kann, was er ist (oder gerade tut), und was er hat (oder getan hat). Nun, das mit dem "have" erklärt sich vielleicht am ehesten so, dass SMS-Nachrichten in den meisten Fällen von kürzlich erfolgten Handlungen berichten (present perfect). Während wir etwas tun ("am", present continous) haben wir wohl eher weniger Zeit zum Simsen, aber wir wollen es ja richtig tun und fragen lieber nochmal nach, deswegen vielleicht Rang 3 dafür (oder wir gehören zu den Dauerschreibern, die ständig und überall mit jemandem in Kontakt sein müssen). Aber noch öfter empfinden die Menschen es offenbar als wichtig, ihren Senf abzugeben. Egoisten. Ein bisschen mehr "should" würde denen gut tun. :P
Was wird mit dem "You can" bezweckt? Die anderen sind sich wohl oft ihrer Möglichkeiten nicht bewusst. "You are" - war ja klar, was der andere ist, das wissen wir immer besser: Ein verantwortungsloses Schwein, eine dumme Quasselstrippe, ein zentralafrikanisches Rotstirngazellenbaby... Ok, letzteres eher selten. Vergessen Sie das wieder.

Das in SMS-Nachrichten erwähnte Wetter ist also in den meisten Fällen "soooo"... Also entweder schreiben sich die Leute vor allem dann Nachrichten, wenn das Wetter sooo schön, sooo mies, oder, was ich aufgrund meiner Facebook-Erfahrung auch für sehr wahrscheinlich halte, sooo spektakulär ist. Im zweiten Fall denke ich sofort an unangenehmen Smalltalk an der Bushaltestelle (gibt es Leute, die sogar beim Simsen so awkward drauf sind..?). Und der dritte Fall... kann man daraus schliessen, dass die Leute einander bei schönem Wetter öfter schreiben als bei schlechtem? Und was schliesst man wiederum daraus? Hoffentlich handelt es sich um Leute, die Ausflüge planen, und nicht um solche, die auch bei bestem Wetter noch nur mit elektronischen Geräten beschäftigt sind.

Was haben wir hier? "In the world"? Die Leute halten sich also oft für Experten, die die Autorität zur Verallgemeinerung besitzen. Oder die fortschreitende Globalisierung und Vernetzung lässt mehr Wissen und folglich mehr Aussagen über die Verhältnisse in der Welt zu. Dann folgt "in the morning"... Der Morgen ist anscheinend die meist erwähnte Tageszeit. Am Morgen findet also offenbar das erwähnenswerte Leben statt, der frühe Vogel fängt den Wurm, morning hour has gold in its mouth (klingt irgendwie verstörend auf Englisch...). Und bei Rang 3 geht das Studieren wieder los: "In the" kann unmöglich am drittmeisten von "is" gefolgt werden - wie funktioniert also dieses Vervollständigen? Meine Recherchen haben bislang nichts zutage gefördert...

Dann wünsche ich weiterhin viel Spass beim Tippen. Mal sehen, was die Technik uns Sprachfans noch so alles bringt... Ich werde da sein und es analysieren!

-Der Sprachbeschreiber

P.S. Mithilfe einiger engagierter Winterpausenklicker hat mein Blog kürzlich die 5000-Klick-Marke gesprengt. YAY, danke! =)

Dienstag, 23. Dezember 2014

33: Kuriositätenkabinett 2014

Hi there!

Zum Abschluss des Jahres 2014 beabsichtige ich, mich einer eher banalen und doch wunderbar unterhaltsamen Beschäftigungsmöglichkeit für einen Sprachbeschreiber zu widmen: Auffällig formulierte Schriftstücke, die ich dieses Jahr sammeln konnte, präsentieren und kommentieren. Folgen Sie mir in ein klitzekleines Kabinett der Kuriositäten des Sprachgebrauchs.

Hm... Wenn Sie mal jemandem mit angestrengt gesenktem Kopf durch die Strassen laufen sehen, dann dürfte es sich also um einen Head and Shoulders-Nutzer handeln. "Idiomatikignoranz" bei der Wortwahl nenne ich das. Unter "Augenkontakt" versteht man bei uns nicht in erster Linie, dass etwas mit den Augen in Berührung kommt. Aber das merkt nicht jeder...

Dieses Problem macht mannigfaltig Mühe, auch im Blick am Abend: Hat man einen weiblichen Chef oder eine weibliche Chefin? Wählt man das Oxymoron oder den Pleonasmus?  Hier jedenfalls musste ich schmunzeln. Sie auch? Da haben's etwa die anglophonen Personen einfacher... Warum muss man jedem Nomen unbedingt das Geschlecht ansehen? Von den französischen Anpassungsregeln will ich gar nicht erst anfangen... Und apropos political correctness:


Meine sehr verehrten Poulets und Pouletinnen... Bzw. im Französischen "poulette" und im Italienischen "polla"..? Ja, man kann's auch übertreiben mit der sprachlichen "Gleichheit" - die durch dieses Vorgehen sowieso nicht erreicht wird. Es kommen an unserer Hochschule gelegentlich DozentInnen vor, die ausschliesslich weibliche Personenbezeichnungen gebrauchen, die also etwa nur vom Beruf der Übersetzerin sprechen. Dass das ihrer eigenen Argumentation folgend nicht weniger diskriminierend ist, wird anscheinend nicht realisiert oder bewusst in Kauf genommen.

Wo soll ich da anfangen... Also, das Grundwort "Seminar" ist kein Name, man muss also von "das Nachtseminar Winterthur" sprechen. "Musikbegeisterte DJs"... "Grüblerische Philosophen"... "Naturverbundene Bauern"... "Grosse Riesen"... "Nasses Wasser"... ...alles auf der selben Kreativitätsstufe. Zudem gibt es den Genitiv-Apostroph nur im Englischen; auf Deutsch signalisiert er, das etwas ausgelassen wurde. Zu guter letzt fehlt das Komma, das den Nebensatz einleitet (DJs, die...). Lauter postmoderne Trendfehler - als leidenschaftlicher Korrekturleser weiss ich, wovon ich rede.

Leset und staunet...

Jaja, wieder einmal eine unglücklich konstruierte Syntax. Da kommen die mit ausreichender linguistic awareness ausgestatteten Personen wie der gute Oli hier aus allen Ecken gekrochen und haben ihren Spass dran.

Wie meinen, Blick am Abend? Ob Frauen grösser sein dürfen als der Partner des Lesers, oder ob Frauen grösser sein dürfen als der eine Partner, den sie sich teilen?




Kicher kicher. Tja, wieder ist Weltwissen für das richtige Verständnis eines Kompositums gefragt. Da war eine oder einer ganz witzig und konnte sich einen Hinweis darauf nicht verkneifen.
Bei der Erstellung dieser Umfrage war wohl der Ermittlerausschuss zur Entlarvung von Menschenhändlern beteiligt...



Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Und vergessen Sie nicht: Die sprachlichen Kuriositäten sind überall. Open your eyes. Und es sei wieder einmal erwähnt: Wenn Sie was Schönes finden, dann machen Sie doch ein Foto und lassen Sie's mir zukommen, damit die Welt mitkichern und -studieren kann. Danke und frohe Festtage, wir sehen uns nach der Winterpause ( mal schauen, wie lang die dauert... ich sach' mal Mitte Februar)!

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 8. Dezember 2014

32: Inspiriert vom Känguru #3: Sprachliche Manifestation

"Ich kann nich' Auto fahren", sagt das Känguru. "Ich habe meine Führerscheinprüfung abgebrochen, weil ich Rechts vor Links nicht akzeptieren wollte." "Wie?!". "Warum Rechts vor Links? Warum nicht Links vor Rechts? Sogar in Australien gibt's Links vor Rechts, und das Heimatland meiner Vorfahren kann sich sonst nicht gerade einer sehr fortschrittlichen Politik rühmen." "Was?". "Da muss man doch ma' drüber reden!". "Wie?". "Ich meine, wenn wir eins aus der Frauenbewegung gelernt haben, dann isses doch, dass sich Unterdrückungsmuster schon in der Sprache manifestieren!". "Was?". "Liebe LeserInnen", sagt das Känguru mit großem I. "Wie?". "Hast du n' Hänger?!", fragt das Känguru. (...) "Soll ich dir ma' auf'n Hinterkopf hau'n?". "Was?". Das Känguru haut mir auf den Hinterkopf. "Ey!", sage ich. "Dekonstruktivismus!", sagt das Känguru. "Kenn' ich", sage ich. "Na also! Rechts vor Links, das is' ein reaktionär-konservatives Unterdrückungsmuster, manifestiert in der StVO!". "Was?". "Ich mein' warum Rechts vor Links? Warum nich' Links vor Rechts? Warum?". "Weiß nich'", sage ich. "Das hat mein Fahrlehrer auch gesagt, das konnt' ich so nicht akzeptieren! Da bin ich trotzdem zuerst gefahr'n!". "Konsequent", sage ich. "Ich meine warum heißt es Recht haben und nicht Link haben?". "Hm", sage ich. "Warum ist ein rechtes Ding positiv konnotiert, ein linkes Ding negativ?". "Hm". "Warum spricht ein Richter nicht Link?". "Hm." "Wahrscheinlich weil er ein rechter Sack ist!", sagt das Känguru. 
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2009): Die Känguru-Chroniken)

Recht hast du, Känguruh: Die Sprache ist immer wieder auch Spiegel der Kultur, in der sie gesprochen und von der sie folglich beeinflusst und geformt wird. Sprache lebt. Das sehen wir nur schon daran, dass es unregelmässige Verbformen gibt: Diese sind in der Regel das Resultat von mündlicher Weitergabe. Was sich verbreitet, das setzt sich durch, wie zum Beispiel auch das Wort "Keks", das dadurch entstand, dass das deutsche Backwarenunternehmen Bahlsen eins seiner Produkte "Leibniz-Cakes" nannte, was die Deutschen so mangelhaft aussprachen, dass dann schliesslich "Keks" daraus wurde. In diesem Wort manifestiert sich also quasi die Inkompetenz der meisten Deutschen in Bezug auf die Aussprache englischer Wörter.

Faszinierend ist in dieser Hinsicht besonders das Projekt DDR-Duden. Damals im Osten, wo ja das Känguru auch viele Jahre verbrachte, wollte die sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) die Sprache der BürgerInnen quasi auf die Staatsideologie "zuschneiden". Das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen beschrieb 1973 den Unterschied der Sprache des "Arbeiter- und Bauernstaats" zum "Westdeutschen" folgendermassen:

"Das grammatische Grundsystem der Sprache zeigt keine ins Gewicht fallenden Differenzierungen. Der Anteil der Unterschiede im Wortschatz dürfte bisher sicher noch unter 3 Prozent liegen. Schwerpunkte eines abweichenden Wortschatzes liegen insbesondere im politisch-ideologischen Bereich, bei den Begriffen aus dem Berufsleben und aus der Wirtschaft sowie im Bereich von Bildung und Kultur."

Germanist Willi Steinberg lobte den Duden-Ost, weil er "alle Wörter führt, die das Heldentum der Arbeit und die Taten unserer Menschen für Frieden und Fortschritt widerspiegeln". Wörter, die der "richtigen Gesinnung des Volkes" abträglich schienen, wurden kurzerhand gestrichen, darunter "Meinungsfreiheit", "Weltreise", "Kreuzfahrt" oder "Republikflucht". Um durch die Zustimmung der BürgerInnen gegebene Legitimität des Staates und seiner Organe vorzutäuschen, wurden aus zahlreichen Wörtern mit dem Bestimmungswort "Volk-" Komposita gebastelt wie "Volksrichter", "Volkspolizei", "Volksuniversität", "Volksgesundheit", "Volksfeind", "Volkszeitung" und der zu Kopfschütteln mit Grinsen anregende Pleonasmus "Volksdemokratie" sowie die "Volkswahl" und natürlich die "Volksrepublik". Vereinzelt wurde auch versucht, Worte zu ersetzen statt verschwinden zu lassen. Aber den Osterhasen zum "Frühjahrschokoladenhohlkörper", den Weihnachtsengel zur "Jahresendflügelfigur" und Nudeln oder Kartoffeln zu "Sättigungsbeilagen" zu machen, darf wohl als etwas sehr gewagter Versuch der Abhebung vom "Klassenfeind" im Westen bezeichnet werden. Bestehende Begriffe erhielten auch vermehrt veränderte Definitionen:

Parlamentarismus (Westen, 1954): Beschränkung demokratischen Handelns auf das Parlament
Parlamentarismus (Osten, 1957): bürgerliche Regierungsform, in der formal das Parlament die Politik bestimmt

Bourgeoisie (Westen, 1973): (wohlhabender) Bürgerstand (auch: durch Wohlleben entartetes Bürgertum)
Bourgeoisie (Osten, 1969): die herrschende Klasse in der kapitalist. Gesellschaft

Kapitalismus (Westen, 1973): Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, deren treibende Kraft das (übersteigerte) Gewinnstreben einzelner ist
Kapitalismus (Osten, 1969): Gesellschaftsformation und Produktionsweise, die auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und auf der Ausbeutung der Lohnarbeiter beruht

Verrückt, nicht? Für mich als Student der angewandten Linguistik sind die Hintergedanken der Bestrebungen der SED zwar verständlich; die Sprache ist so eng mit der Kultur verflochten, dass es sehr wertvoll wäre, wenn die beiden einander jeweils neu angepasst werden könnten. Aber so eine "sprachliche Umerziehung" lässt sich nicht ohne weiteres durchziehen, es wird eben gesprochen, wie gesprochen wird, manches setzt sich durch, manches nicht. Aber das Känguru hat auch in der heutigen Sprache erneut eine Manifestation entdeckt...

"Es heißt ja - und das nicht zu Unrecht - Geben sei seliger denn nehmen", sagt das Känguru. "Auch ist allen klar, dass man dem Geber Dank schuldet, wohingegen der Nehmer zu danken hat. Und da Sprache eine Waffe ist, lassen Sie mich kurz etwas über die Begriffe Arbeitgeber und Arbeitnehmer klar stellen, bevor wir dieses sogenannte Bewerbungsgespräch fortführen." Der Personalchef ihm gegenüber zuckt mit den Achseln. (...) "Arbeitgeber und Arbeitnehmer", sagt das Känguru, "diese beiden Worte sind falsch. Es sind Wortzusammensetzungen nur geschaffen um die Wahrheit zu verdrehen, die Arbeitenden zu verwirren, ja, es sind Klassenkampfkomposita - bitte beachten Sie die gelungene Alliteration. Eigentlich ist nämlich der sogenannte Arbeitgeber der Arbeitnehmer und der Arbeitnehmer der Arbeitgeber. Der Arbeitnehmer nämlich gibt seine Arbeit dem Arbeitgeber und der Arbeitgeber nimmt die Arbeit des Arbeitnehmers und verwertet diese zu seinem Gewinn. (...) Da ich mich nicht an dieser Verblendung des Volkes beteiligen möchte", sagt das Känguru, "bitte ich um Ihr Verständnis dafür, dass ich diese beiden Worte im vertauschten oder vielmehr vertauscht scheinenden aber eigentlich richtigen Sinn benutzen werde." 
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2014): Die Känguru-Offenbarung)

Vielleicht fällt Ihnen ja auch mal so etwas auf..? Watch your language.

-Der Sprachbeschreiber

Quellen:

http://www.stiftikus.de/material/FALK.pdf
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45876620.html