Dienstag, 23. Dezember 2014

33: Kuriositätenkabinett 2014

Hi there!

Zum Abschluss des Jahres 2014 beabsichtige ich, mich einer eher banalen und doch wunderbar unterhaltsamen Beschäftigungsmöglichkeit für einen Sprachbeschreiber zu widmen: Auffällig formulierte Schriftstücke, die ich dieses Jahr sammeln konnte, präsentieren und kommentieren. Folgen Sie mir in ein klitzekleines Kabinett der Kuriositäten des Sprachgebrauchs.

Hm... Wenn Sie mal jemandem mit angestrengt gesenktem Kopf durch die Strassen laufen sehen, dann dürfte es sich also um einen Head and Shoulders-Nutzer handeln. "Idiomatikignoranz" bei der Wortwahl nenne ich das. Unter "Augenkontakt" versteht man bei uns nicht in erster Linie, dass etwas mit den Augen in Berührung kommt. Aber das merkt nicht jeder...

Dieses Problem macht mannigfaltig Mühe, auch im Blick am Abend: Hat man einen weiblichen Chef oder eine weibliche Chefin? Wählt man das Oxymoron oder den Pleonasmus?  Hier jedenfalls musste ich schmunzeln. Sie auch? Da haben's etwa die anglophonen Personen einfacher... Warum muss man jedem Nomen unbedingt das Geschlecht ansehen? Von den französischen Anpassungsregeln will ich gar nicht erst anfangen... Und apropos political correctness:


Meine sehr verehrten Poulets und Pouletinnen... Bzw. im Französischen "poulette" und im Italienischen "polla"..? Ja, man kann's auch übertreiben mit der sprachlichen "Gleichheit" - die durch dieses Vorgehen sowieso nicht erreicht wird. Es kommen an unserer Hochschule gelegentlich DozentInnen vor, die ausschliesslich weibliche Personenbezeichnungen gebrauchen, die also etwa nur vom Beruf der Übersetzerin sprechen. Dass das ihrer eigenen Argumentation folgend nicht weniger diskriminierend ist, wird anscheinend nicht realisiert oder bewusst in Kauf genommen.

Wo soll ich da anfangen... Also, das Grundwort "Seminar" ist kein Name, man muss also von "das Nachtseminar Winterthur" sprechen. "Musikbegeisterte DJs"... "Grüblerische Philosophen"... "Naturverbundene Bauern"... "Grosse Riesen"... "Nasses Wasser"... ...alles auf der selben Kreativitätsstufe. Zudem gibt es den Genitiv-Apostroph nur im Englischen; auf Deutsch signalisiert er, das etwas ausgelassen wurde. Zu guter letzt fehlt das Komma, das den Nebensatz einleitet (DJs, die...). Lauter postmoderne Trendfehler - als leidenschaftlicher Korrekturleser weiss ich, wovon ich rede.

Leset und staunet...

Jaja, wieder einmal eine unglücklich konstruierte Syntax. Da kommen die mit ausreichender linguistic awareness ausgestatteten Personen wie der gute Oli hier aus allen Ecken gekrochen und haben ihren Spass dran.

Wie meinen, Blick am Abend? Ob Frauen grösser sein dürfen als der Partner des Lesers, oder ob Frauen grösser sein dürfen als der eine Partner, den sie sich teilen?




Kicher kicher. Tja, wieder ist Weltwissen für das richtige Verständnis eines Kompositums gefragt. Da war eine oder einer ganz witzig und konnte sich einen Hinweis darauf nicht verkneifen.
Bei der Erstellung dieser Umfrage war wohl der Ermittlerausschuss zur Entlarvung von Menschenhändlern beteiligt...



Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Und vergessen Sie nicht: Die sprachlichen Kuriositäten sind überall. Open your eyes. Und es sei wieder einmal erwähnt: Wenn Sie was Schönes finden, dann machen Sie doch ein Foto und lassen Sie's mir zukommen, damit die Welt mitkichern und -studieren kann. Danke und frohe Festtage, wir sehen uns nach der Winterpause ( mal schauen, wie lang die dauert... ich sach' mal Mitte Februar)!

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 8. Dezember 2014

32: Inspiriert vom Känguru #3: Sprachliche Manifestation

"Ich kann nich' Auto fahren", sagt das Känguru. "Ich habe meine Führerscheinprüfung abgebrochen, weil ich Rechts vor Links nicht akzeptieren wollte." "Wie?!". "Warum Rechts vor Links? Warum nicht Links vor Rechts? Sogar in Australien gibt's Links vor Rechts, und das Heimatland meiner Vorfahren kann sich sonst nicht gerade einer sehr fortschrittlichen Politik rühmen." "Was?". "Da muss man doch ma' drüber reden!". "Wie?". "Ich meine, wenn wir eins aus der Frauenbewegung gelernt haben, dann isses doch, dass sich Unterdrückungsmuster schon in der Sprache manifestieren!". "Was?". "Liebe LeserInnen", sagt das Känguru mit großem I. "Wie?". "Hast du n' Hänger?!", fragt das Känguru. (...) "Soll ich dir ma' auf'n Hinterkopf hau'n?". "Was?". Das Känguru haut mir auf den Hinterkopf. "Ey!", sage ich. "Dekonstruktivismus!", sagt das Känguru. "Kenn' ich", sage ich. "Na also! Rechts vor Links, das is' ein reaktionär-konservatives Unterdrückungsmuster, manifestiert in der StVO!". "Was?". "Ich mein' warum Rechts vor Links? Warum nich' Links vor Rechts? Warum?". "Weiß nich'", sage ich. "Das hat mein Fahrlehrer auch gesagt, das konnt' ich so nicht akzeptieren! Da bin ich trotzdem zuerst gefahr'n!". "Konsequent", sage ich. "Ich meine warum heißt es Recht haben und nicht Link haben?". "Hm", sage ich. "Warum ist ein rechtes Ding positiv konnotiert, ein linkes Ding negativ?". "Hm". "Warum spricht ein Richter nicht Link?". "Hm." "Wahrscheinlich weil er ein rechter Sack ist!", sagt das Känguru. 
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2009): Die Känguru-Chroniken)

Recht hast du, Känguruh: Die Sprache ist immer wieder auch Spiegel der Kultur, in der sie gesprochen und von der sie folglich beeinflusst und geformt wird. Sprache lebt. Das sehen wir nur schon daran, dass es unregelmässige Verbformen gibt: Diese sind in der Regel das Resultat von mündlicher Weitergabe. Was sich verbreitet, das setzt sich durch, wie zum Beispiel auch das Wort "Keks", das dadurch entstand, dass das deutsche Backwarenunternehmen Bahlsen eins seiner Produkte "Leibniz-Cakes" nannte, was die Deutschen so mangelhaft aussprachen, dass dann schliesslich "Keks" daraus wurde. In diesem Wort manifestiert sich also quasi die Inkompetenz der meisten Deutschen in Bezug auf die Aussprache englischer Wörter.

Faszinierend ist in dieser Hinsicht besonders das Projekt DDR-Duden. Damals im Osten, wo ja das Känguru auch viele Jahre verbrachte, wollte die sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) die Sprache der BürgerInnen quasi auf die Staatsideologie "zuschneiden". Das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen beschrieb 1973 den Unterschied der Sprache des "Arbeiter- und Bauernstaats" zum "Westdeutschen" folgendermassen:

"Das grammatische Grundsystem der Sprache zeigt keine ins Gewicht fallenden Differenzierungen. Der Anteil der Unterschiede im Wortschatz dürfte bisher sicher noch unter 3 Prozent liegen. Schwerpunkte eines abweichenden Wortschatzes liegen insbesondere im politisch-ideologischen Bereich, bei den Begriffen aus dem Berufsleben und aus der Wirtschaft sowie im Bereich von Bildung und Kultur."

Germanist Willi Steinberg lobte den Duden-Ost, weil er "alle Wörter führt, die das Heldentum der Arbeit und die Taten unserer Menschen für Frieden und Fortschritt widerspiegeln". Wörter, die der "richtigen Gesinnung des Volkes" abträglich schienen, wurden kurzerhand gestrichen, darunter "Meinungsfreiheit", "Weltreise", "Kreuzfahrt" oder "Republikflucht". Um durch die Zustimmung der BürgerInnen gegebene Legitimität des Staates und seiner Organe vorzutäuschen, wurden aus zahlreichen Wörtern mit dem Bestimmungswort "Volk-" Komposita gebastelt wie "Volksrichter", "Volkspolizei", "Volksuniversität", "Volksgesundheit", "Volksfeind", "Volkszeitung" und der zu Kopfschütteln mit Grinsen anregende Pleonasmus "Volksdemokratie" sowie die "Volkswahl" und natürlich die "Volksrepublik". Vereinzelt wurde auch versucht, Worte zu ersetzen statt verschwinden zu lassen. Aber den Osterhasen zum "Frühjahrschokoladenhohlkörper", den Weihnachtsengel zur "Jahresendflügelfigur" und Nudeln oder Kartoffeln zu "Sättigungsbeilagen" zu machen, darf wohl als etwas sehr gewagter Versuch der Abhebung vom "Klassenfeind" im Westen bezeichnet werden. Bestehende Begriffe erhielten auch vermehrt veränderte Definitionen:

Parlamentarismus (Westen, 1954): Beschränkung demokratischen Handelns auf das Parlament
Parlamentarismus (Osten, 1957): bürgerliche Regierungsform, in der formal das Parlament die Politik bestimmt

Bourgeoisie (Westen, 1973): (wohlhabender) Bürgerstand (auch: durch Wohlleben entartetes Bürgertum)
Bourgeoisie (Osten, 1969): die herrschende Klasse in der kapitalist. Gesellschaft

Kapitalismus (Westen, 1973): Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, deren treibende Kraft das (übersteigerte) Gewinnstreben einzelner ist
Kapitalismus (Osten, 1969): Gesellschaftsformation und Produktionsweise, die auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und auf der Ausbeutung der Lohnarbeiter beruht

Verrückt, nicht? Für mich als Student der angewandten Linguistik sind die Hintergedanken der Bestrebungen der SED zwar verständlich; die Sprache ist so eng mit der Kultur verflochten, dass es sehr wertvoll wäre, wenn die beiden einander jeweils neu angepasst werden könnten. Aber so eine "sprachliche Umerziehung" lässt sich nicht ohne weiteres durchziehen, es wird eben gesprochen, wie gesprochen wird, manches setzt sich durch, manches nicht. Aber das Känguru hat auch in der heutigen Sprache erneut eine Manifestation entdeckt...

"Es heißt ja - und das nicht zu Unrecht - Geben sei seliger denn nehmen", sagt das Känguru. "Auch ist allen klar, dass man dem Geber Dank schuldet, wohingegen der Nehmer zu danken hat. Und da Sprache eine Waffe ist, lassen Sie mich kurz etwas über die Begriffe Arbeitgeber und Arbeitnehmer klar stellen, bevor wir dieses sogenannte Bewerbungsgespräch fortführen." Der Personalchef ihm gegenüber zuckt mit den Achseln. (...) "Arbeitgeber und Arbeitnehmer", sagt das Känguru, "diese beiden Worte sind falsch. Es sind Wortzusammensetzungen nur geschaffen um die Wahrheit zu verdrehen, die Arbeitenden zu verwirren, ja, es sind Klassenkampfkomposita - bitte beachten Sie die gelungene Alliteration. Eigentlich ist nämlich der sogenannte Arbeitgeber der Arbeitnehmer und der Arbeitnehmer der Arbeitgeber. Der Arbeitnehmer nämlich gibt seine Arbeit dem Arbeitgeber und der Arbeitgeber nimmt die Arbeit des Arbeitnehmers und verwertet diese zu seinem Gewinn. (...) Da ich mich nicht an dieser Verblendung des Volkes beteiligen möchte", sagt das Känguru, "bitte ich um Ihr Verständnis dafür, dass ich diese beiden Worte im vertauschten oder vielmehr vertauscht scheinenden aber eigentlich richtigen Sinn benutzen werde." 
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2014): Die Känguru-Offenbarung)

Vielleicht fällt Ihnen ja auch mal so etwas auf..? Watch your language.

-Der Sprachbeschreiber

Quellen:

http://www.stiftikus.de/material/FALK.pdf
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45876620.html

Montag, 24. November 2014

31: Rettet das Rumantsch..?

Der Kommentar ist eine tolle Textsorte. Da darf man als Journalist den Leuten zur Abwechslung mal so richtig die Meinung geigen. Und ich habe dereinst sogar einen Kommentar schreiben dürfen. Für ein Dossier rund um Sprache und Kultur des Kantons Graubünden, das wir an der Hochschule verfassten, sammelte ich zunächst Daten zur Sprachverwendung des Rätoromanischen und kommentierte den entsprechenden Bericht anschliessend. So stand es im Jahr 2000 (von da stammten vor zwei Jahren die aktuellsten vollständigen Daten) um das Rätoromanische:


Rang 10. Nicht nur die drei anderen Landessprachen, sondern ganze 6 weitere Varietäten werden in der Schweiz häufiger gesprochen. Zunächst war meine undifferenzierte Haltung: "Naja, wenn das keiner mehr benutzt, dann lasst es halt sterben." Die habe ich eigentlich immer noch. Ich musste allerdings einen kritischen Kommentar verfassen. Und beim Planen fand ich plötzlich Gefallen an der Vorstellung, mich gegen das Verschwinden der rätoromanischen Sprache auszusprechen. Ich schrieb und schrieb, ich schrieb mich in einen regelrechten Rausch, und ich bin durchaus glücklich mit dem reisserischen Text, der am Ende entstanden war. Bitte sehr:

Das Aussterben des Rätoromanischen
Die Zahlen zeigen es unmissverständlich: Die rätoromanische Sprache fristet mittlerweile ein beispielloses Aussenseiterdasein – sogar in ihrem Heimatkanton Graubünden. Welche Überlegungen löst diese Entwicklung bei kritischen Denkern aus? Im Folgenden ein Kommentar, der versucht, aufzuzeigen, was dabei auf dem Spiel steht, und welche Gefahren der Dynamik hinter diesem Prozess innewohnen.

Es lebe der Pragmatismus
Das Rätoromanische befindet sich auf dem Rückzug. Langsam verabschiedet es sich aus der Welt, wie der Röhrenfernseher, das Handy mit Tastatur und vielleicht sogar das Bankgeheimnis. Bei letzterem allerdings wird erbittert gegen das Verschwinden angekämpft. Es handle sich immerhin um ein Schweizer Markenzeichen, eine wertvolle Einzigartigkeit, auf die wir stolz sein könnten. Etwas, das die Schweiz zu dem mache, was sie sei – regelrechtes Kulturgut! So etwas ist doch schützenswert, nicht? Anscheinend nicht immer.

Ist das Rumantsch etwa kein „echtes Stück Schweiz“, kein kostbares Einzelstück, das einen nicht unerheblichen Farbton zu unserer bunten Kulturlandschaft beiträgt? Offenbar wird dieses Thema mit grosser Gleichgültigkeit und viel Pragmatismus behandelt. Nehmt lieber Deutsch, das ist praktischer. Bringt euren Kindern kein Rätoromanisch bei, das sorgt nur für Verwirrung und hat keinerlei praktischen Nutzen. Man muss sich ganz einfach fragen: Ist eine Sprache nicht mehr als ein Werkzeug für Kommunikation? Ist sie nicht Kultur, Identität, ein Stück Heimat?

Wenn die Leute eine Sprache zum Mittel zum Zweck herabstufen und  letztlich dazu bereit sind, sie der Einfachheit halber aussterben zu lassen, dann ist das bedenklich. Das Regime des spanischen Diktators Francisco Franco erhob seinerzeit das Kastilische zur einzigen Landessprache und untersagte die Verwendung aller übrigen Varietäten. Die aktuellen Entwicklungen scheinen zu einer unbewusst voranschreitenden Ausrottung des Rätoromanischen zu führen, die in ihren Auswirkungen letztlich einem Verbot nahezu gleichkäme.

Entwicklungen wie diese, der die Bündner Sprache zum Opfer zu fallen droht, sind charakteristisch für die Megatrends der Zukunft, die sich heutzutage am stärksten in der Technik zeigen: Miniaturisierung, Funktionsintegration – es muss alles schneller, einfacher, unkomplizierter gehen. Denken Sie an Geräte wie das iPhone. Es vereint auf engstem Raum ein Telefon, einen Taschenrechner, einen MP3-Player, eine Fotokamera und noch vieles mehr. Man braucht weniger Geräte und hat mehr Platz. So zeigen sich diese Trends in der Technik. Es besteht nun die Tendenz, dass diese ihren Einfluss im grossen Stil ausweiten und auch andere Bereiche des menschlichen Lebens beeinflussen. So gerät über kurz oder lang die kulturelle Vielfalt in die Schusslinie, in diesem Fall die sprachliche Diversität – sie erhöht den Aufwand für Kommunikation und somit auch den Aufwand in allen Bereichen, in denen kommuniziert wird. Eine Reduktion aufs Deutsche würde den Trends entsprechend vieles einfacher, praktischer gestalten. Daraus könnte dem Rätoromanischen diese Bedrohung erwachsen sein, die sich schleichend vergrössert hat. Bald ist es wahrscheinlich zu spät für Rettungsaktionen.

Möglicherweise wird die Germanisierung des Bündnerlandes in absehbarer Zeit nicht mehr zu bremsen sein. Wie geht es dann weiter? Man könnte dann irgendwann auch darauf kommen, dass das Französische und das Italienische dem Deutschen in der Schweiz im Weg stehen. Wenn diese beiden abgeschafft wären, könnte man zum Beispiel endlich Schluss machen mit all den unübersichtlichen dreisprachigen Produktbeschriftungen! Und wozu braucht jeder deutschschweizerischer Dialekt seine eigenen, charakteristischen Ausdrücke? Ein Vereinheitlichungsprogramm würde vieles vereinfachen. Irgendwann wäre die Schweiz dann ein wahrhaft einheitliches, unkompliziertes Land. Tod der Vielfalt, es lebe der Pragmatismus.

Was für eine aufregende Vision! Ist es das, was wir letztlich anstreben, worauf unsere gesamte Kultur hinarbeitet, bewusst oder unbewusst? Niemand scheint diese Frage zu stellen. Die Antwort könnte erschreckend ausfallen. Beschäftigen wir uns mit dem Problem des übersteigerten Pragmatismus, und fangen wir am besten gleich exemplarisch bei der Bedrohung des Rätoromanischen an. Es gibt ein Kulturgut zu retten und zugleich noch etwas über die postmoderne Gesellschaft zu lernen.

Denken Sie drüber nach. Meinungen in den Kommentaren sind erlaubt.

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 10. November 2014

30: Inspiriert vom Känguru #2: So geht das Sprichwort nich'!

"Also?", fragt das Känguru. "Was?", frage ich. "Ich hör' dich nicht singen", sagt das Känguru. "Das liegt daran, dass ich nicht singen werde", sage ich. "Wieso denn nich'?", fragt das Känguru. "Weil ich gar keine Lust auf deine blöde Geschichte habe", sage ich. "Na na, was is' uns denn für eine Maus über die Leber gelaufen?", fragt das Känguru. "Erstens is' uns gar nichts über die Leber gelaufen, und wenn uns was über die Leber gelaufen wäre, dann wäre das zweitens eine Laus und keine Maus gewesen". "Wieso?", fragt das Känguru. "Weil man das eben so sagt, verdammt nochmal, eine Laus läuft über die Leber, eine Laus, keine Maus!". "Was soll denn das für einen Sinn ergeben?", fragt das Känguru. "Was weiß ich", rufe ich. "So geht das Scheiß-Sprichwort nun mal! Eine Laus läuft über die Leber!". "Diese Antwort befriedigt mich nicht", sagt das Känguru. "Man darf nie aufhören, alles kritisch zu hinterfragen!". "Ah ja?", sage ich. "Dann hinterfrag mal das: Fick dich!". "Das is' wirklich keine Art", sagt das Känguru. Schweigen.
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2009): Die Känguru-Chroniken)



Es gibt, wie Ihnen vielleicht bekannt ist, verschiedenste Dinge, die mich gelegentlich so ein klein wenig stören können, wenn ich andere reden höre. Eins davon ist, wie bei unserem guten Marc-Uwe hier, ungenaues Zitieren. Es kommt immer wieder vor: Jemand zitiert etwa eine Stelle aus einem guten Buch oder Lied oder ein Sprichwort - was an und für sich meist schön und gut ist, da es die Sprache bunter und reichhaltiger macht - gibt aber nicht den genauen Wortlaut wieder. Und warum stört mich das? Weil coole Stellen aus guten Büchern oder Liedern und etablierte Sprichwörter aus bestimmten Gründen genau so formuliert wurden, wie sie eben formuliert sind. Das ist zu einem grossen Teil für Wirkung und Erfolg solcher Texte verantwortlich. Und über diese Wirkung und die Wege, die dort hin führen, möchte ich in diesem Blogeintrag schreiben. Ich spreche von der "Redekunst", der Rhetorik. Und mit dieser müssen wir uns kurz auseinandersetzen, wenn wir die Frage des Kängurus befriedigend beantworten wollen.

Rhetorische Mittel beeinflussen unsere Wahrnehmung eines Textes. Sie stimulieren gewissermassen den Verstand und fördern Lesegenuss und Einprägsamkeit. Reime empfinden wir etwa als schön und einprägsam. Einfaches Beispiel: Songtexte. Wenn die sich nicht reimen würden - wären Sie dann genauso begeistert von Ihrem Lieblingssong? Weiteres Beispiel: Eselsbrücken. Die soll man sich ja merken können. Wenn Sie die studieren, wird Ihnen vornehmlich der Reim begegnen. Was rhetorische Mittel anbelangt, gibt's da aber noch so einiges mehr. Auf der höheren Ebene finden sich da unter anderem der Vergleich, die Wiederholung, die Verdeutlichung, das Zitat, die Steigerung, der Gegensatz oder natürlich die rhetorische Frage. Inhalte aus dem Rhetorikarsenal auf einer tieferen Ebene zeigt die folgende Liste aus einer ZHAW-Textanalysevorlesung:


Ob bezaubernde Gedichte, fesselnde Romane oder beeindruckende Reden - erfolgreiche wirkungsvolle Texte bedienen sich stets eines gewissen Masses an rhetorischen Mitteln. Meine kommunikationswissenschaftliche Arbeit im vierten Semester hat am Beispiel von Predigten bestätigt, dass der Einsatz rhetorischer Darstellungsmittel ein entscheidender Faktor ist, wenn es darum geht, ob und wie Leute die wichtigsten Aussagen eines Vortrages verstehen. Unser Gehirn scheint Freude zu haben an solchen Mitteln, vielleicht deswegen, weil es dabei Muster mit einer gewissen Ordnung in der sonst so beliebigen Sprache erkennen kann. Man kann seine Aussagen dem Gehirn so quasi sprachlich unter die Nase halten, sie ihm schmackhaft machen und ihm einen Moment lang die Gelegenheit offerieren, sie auf seine Weise aufzunehmen.

Der "Witz" hinter dem beim Känguru erwähnten Sprichwort liegt nun meines Erachtens in der Alliteration: Laus und Leber können's gut zusammen. Deswegen läuft da keine Maus, kein Wildkaninchen und kein Okapi. Dennoch muss ich dem Känguru in puncto Hinterfragen Recht geben - inhaltlich ist die ganze Sache damit noch nicht so recht geklärt. Meine Recherchen ergaben, dass in früheren Zeiten die Leber als Sitz der Gefühle angesehen wurde. Deswegen stellte man sich bildhaft vor, dass da etwas drüber"gelaufen" sein müsse, wenn jemand griesgrämig war. Man benutzt die Redewendung auch nur dann, wenn jemand ein klein wenig mies gelaunt ist; entsprechend ist die Grösse des Tiers ausgefallen.

Na, was gelernt? Mal sehen, wie's beim Känguru aussieht...

"Biste eingeschnappt?", fragt das Känguru. "Wieso?", frage ich eingeschnappt. "Wieso sollte ich eingeschnappt sein?". "Weiß nich'", sagt das Känguru."Aber du wirkst wie eine kleine beleidigte Teewurst." "Leberwurst." "Nein nein, Teewurst, man sagt Teewurst." "Tut man nich'". "Doch." Ich verdrehe die Augen. "Na von mir aus", sage ich. "Dem Klügeren wird nachgegeben!", sagt das Känguru. "So geht das Sprichwort nich'!". "Doch." "Nein!" "Doch." "Wie du meinst..." "Siehst du?".
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2014): Die Känguru-Offenbarung)

-Der Sprachbeschreiber