Montag, 3. Februar 2014

8: Say the right thing

Je älter ich werde, desto mehr Werbungen widern mich an. Wie die Werbebranche mittlerweile sprachlich vorgeht, das geht mir immer öfter so richtig auf die Nerven. Es sind nicht nur die oft schlechten Wortspiele wie bei "Husten, wir haben ein Problem" von Hustensafthersteller Prospan. Oft wird schlicht und einfach gemogelt oder zumindest nicht die ganze Wahrheit gesagt. In Zeiten der Spezialisierung ist anzunehmen, dass mittlerweile ganze Teams für das Verfassen solcher Texte zusammensitzen. Was gibt man seinem Produkt sprachlich mit, um es den Leuten schmackhaft zu machen? Da gilt es, den sprachlichen Fokus richtig zu wählen. Say the right thing.


Die Leute hinter diesem Plakat verstehen sich bestens darauf. Der Fokus wechselt vom Ausgeben zum Einkassieren. Denken Sie daran: Wenn Sie den Fernseher einfach im Regal lassen, "schenken" die Ihnen den ganzen Preis. Es geht aber natürlich noch viel dreister. Ich kann ja schon Slogans wie die von M&M's ("Jeder will sie haben") oder McOptik ("Macht glücklich!") oder die Toffifee-Werbung (Es wird gesagt, die Differenzen in der Familie könnten durch Toffifee überbrückt werden, und so sind durch den Konsum immer alle glücklich vereint) nicht leiden, die pauschal und plakativ ihre Produkte vergöttern. Meine Güte, und die "Merci"-Schokolade! Die Idee mit dem Namen und der Werbung voller dankbarer Menschen ist ja ganz nett, aber vor allem ist das auch eine krasse Marketing-Masche. Dankbarkeit als Kaufauslöser. Oder wie beim Fondue von Gerber noch etwas direkter ausgedrückt: "Es git immer en Grund". Schauder. Aber passen Sie mal auf, jetzt wird's richtig dreist:


Was haben wir hier? Grossartig, Süssigkeiten ohne Fett! Was kann da noch schief gehen? Ein unglaublich gerissener Marketingmensch muss hinter dieser Beschriftungsstrategie stecken. Drehen wir die Packung mal um:


Zucker und Glukosesirup an erster Stelle! Zum Glück wird das im Körper nicht zu Fett umgewandelt, sonst würde man ja am Ende doch zunehmen! Eine äusserst clevere Wahl des Fokus. Der Laie glaubt, er halte das gesündeste Produkt der Welt in seinen Händen. Es wird etwas auf die Packung geschrieben, was in Tat und Wahrheit nichts sehr besonderes ist und einen falschen Eindruck erweckt, wenn man nicht genauer darüber nachdenkt. Auch bei einem Migros-Joghurt hat sich einer eine solche Masche ausgedacht: Man kippte Zuckersirup rein und schrieb frech auf die Etikette: "0% Kristallzucker". Linguistische Perfidität, vom Feinsten und vom Gemeinsten. Die wussten doch ganz genau, dass viele Leute das Bestimmungswort "Kristall-" beim Kaufentscheid nicht genügend einrechnen und folglich spontan nicht darauf kommen würden, dass der Zucker ganz einfach in einer anderen Form beigefügt worden sein könnte. Solche Schwindeleien deckt regelmässig der Kassensturz auf. Eine grossartige Sendung. Und übrigens, das Beste an der Yoghurt Gums-Packung habe ich Ihnen noch gar nicht gezeigt: 


Na sowas, nicht nur implizit, sondern sogar explizit gelogen. Zum Kopfschütteln.

Auch in der Politik ist das Fokus-Herumgeschiebe sehr populär, denn auch da geht es darum, die Dinge im gewünschten Licht darzustellen und so den Durchschnittsmenschen von etwas zu überzeugen. Wenn Sie in der Schweiz leben, ist Ihnen bestimmt aufgefallen, wie die aktuelle Initiative der SVP auf den Ja- und Nein-Plakaten jeweils genannt wurde:


Die Befürworter sprachen immer von der "Masseneinwanderungsinitiative". Klingt, als würde eine gewaltige Bedrohung damit aufgehalten, und als müsse man folglich unbedingt "Ja" stimmen.



Bei den Gegnern war die Rede von der "Abschottungsinitiative". Die niedrige Meinung davon wird durch diese Wortwahl doch ziemlich klar, und einer Initiative mit so einem negativ konnotierten Titel möchte man spontan doch eher ein "Nein" geben.


Werbung und Politik linguistisch zu untersuchen, ist hochspannend. Der Druck, der auf den Leuten in diesen Branchen lastet, ist enorm: Auf engem Raum müssen möglichst viele Leute mit Sprache für etwas gewonnen werden. Wie Sie sehen, bringt das faszinierende und nachdenklich stimmende Ergebnisse hervor. Oder witzige, wie bei Herrn Bigler, der sich bei Tele Züri mit einer tiefgründigen Metapher zur SVP-Initiative äusserte: "S Problem isch jo, dass me uf em Ascht sitzt, wo me sälber sitzt!" Ich werde mich hier nicht das letzte Mal mit diesen Themen beschäftigt haben. Noch einen schönen Tag!

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 27. Januar 2014

7: Heitere Sprachspiele #1

Wenn Sie so viel über Sprache nachdenken wie ich, und dann noch so ein ganz klein wenig kreativ, verrückt, gebildet und kreativ 1 sind wie ich, dann kann das, wie ich bereits einmal angetönt habe, zu wahnwitzigen sprachlichen Fantasieschöpfungen und Wortspielen führen. Da hab ich regelmässig was dazu in petto. Deshalb wird es ab jetzt die Eintragsreihe "Heitere Sprachspiele" geben, aus der ab und zu ein Exemplar veröffentlicht werden wird. Heute also Teil 1.
1 = Man kennt diesen Witz aus: Kling, Marc Uwe (2011): Das Känguruh-Manifest. Berlin: Ulstein. Mit GRÖSSTER Empfehlung, gemeinsam mit dem Vorgänger (Die Känguruh-Chroniken). Die Hörbuchversionen finde ich besonders witzig.

Speziell die Umwandlung von implizitem in explizites Wissen ist beim wortspielen (haha) behilflich. Man merkt etwa, dass präfigierte Verben (Verben mit Präfixen wie auf-, zu- oder ver-) mal getrennt werden und mal wieder nicht. Warum nicht mal die Regeln verdrehen? Der Sprachbeschreiber dreht die Regeln ver. Er zumutet das seiner Leserschaft. Ich hoffe, das setzt sie nicht zu sehr ent, sonst weiterlesen Sie besser nicht (in diesem letzten Beispiel handelt es sich bei "weiter" allerdings eher um ein Adverb als ein Präfix). Man kann auch mal an unüblichen Stellen das Genus verbi auswechseln, also etwa Aktive durch Passive ersetzen. Wenn etwas geschieht, könnte man auch sagen, es sei "passiert worden". Wer als Kind nicht zum Zahnarzt wollte, ist von seinen Eltern hingegangen worden, nachdem er/sie bereits gegen seinen/ihren Willen aufgestanden worden war. Womit kann man noch spielen? Etwa mit "Anti", "Pro", "Kontra" etc. Und schon stehen neue Begriffe im Raum: Was kauft man wohl in einem Proquariat? Wann sagt man vor dem Trinken "Kontrast!"? Wenn die Pharmaindustrie wegen ihrer Gewinnorientierung nicht an einem gesunden Volk interessiert sein kann, dann verkauft sie doch bestimmt Depressiva, Infektionsspray und Biotika? Gegenteile bieten natürlich noch viel mehr Spielraum. Kennen Sie das Gefühl der Unterraschung? Wo kann man Wirtschaft und Link studieren? Und wenn die Sonne morgens aufgeht, dann könnte sie abends doch auch abgehen? Dazu passend: Der lustige Gegenteilgenerator auf gegenteil-von.com. Was der teilweise ausspuckt...


Das geht natürlich auch mit Maskulinum und Femininum - aber da sind interessante Ergebnisse schwieriger zu erzielen. Einer unserer Dozenten an der Hochschule bestand darauf, an jedem möglichen Ort Feminina zu verwenden. In vorauseilendem Gehorsam fing ich an, in meinen Notizen sowie auch bald im Alltag so viele Worte wie möglich zu "femininisieren". Aus Felix Steiner wurde Felicia Steinerin. Aus Burger King wurde die Burger Queen. In der Kina werden immer die neusten Trailerinnen gezeigt. Umgekehrt ginge natürlich auch. So wurde aus der Beatrice der Beateur, und aus der Karin der Karer. Oder der Car.

Sie dürfen gern mitspielen und mir Ihre lustigsten Sprachspielideen zusenden, die ich dann vielleicht sogar in einen Post dieser Reihe integriere. Ohne die "Hilfe" meiner Freunde würde bei Weitem nicht so viel Material vorliegen - so viel Wahnwitz gibt mein Gehirn allein dann doch nicht her. Machen wir zusammen unser grosses Hobby, die Sprache, zum grossen Spielplatz! Ich freu mich.

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 20. Januar 2014

6: Von Vögeln und Handschuhen

Zuallererst möchte ich diese Woche ein grosses DANKESCHÖN ausrufen. Am 13.1.2014 wurden die Gedanken des Sprachbeschreibes nach ziemlich genau einem Monat im Netz bereits zum eintausendsten Mal angeklickt. Das dürften im Schnitt rund 32 Klicks pro Tag sein! Das Wissen darum, dass auch tatsächlich Leute mitlesen, wenn ich schreibe, beglückt und motiviert mich ungemein. Ihr seid grosse klasse!

So, zum Anfang möchte ich von einer kleinen Alltagsepisode berichten. Kopfschüttelnd sass ich kürzlich auf dem Sofa im Wohnzimmer bei meiner Mutter. Sie hatte "Wer wird Millionär" eingeschaltet, und der Kandidat hatte sich folgender Frage gegenüber gesehen: "Wobei handelt es sich nicht um Vögel? A Pinguine B Wellensittiche C Sträusse D Kakadus". Er hatte das Publikum gefragt, und dieses hatte sich mit grosser Mehrheit für die Pinguine entschieden, was dann auch er getan hatte. Und dann der Schock. Pinguine gelten sehr wohl als Vögel. Es handelte sich um eine fiese Fangfrage: "Sträusse" ist der Plural von "Strauss" im Sinne von "zusammengebundene oder -gestellte abgeschnittene oder gepflückte Blumen, Zweige o. Ä." (duden.de). Aus dem Strauss im Sinne von "(in den Steppen Afrikas und Vorderasiens lebender) grosser, flugunfähiger Laufvogel mit langem, nacktem Hals, kräftigem Rumpf, hohen Beinen und schwarz-weissem bis graubraunem Gefieder" (duden.de) werden im Plural die "Strausse". Das wären auch Vögel gewesen. Fies. FIES.

Nach dieser kleinen Alltagsgeschichte nun zum Hauptinhalt des dieswöchigen (Gibt's gar nicht? Mir egal.) Blogeintrags; einem kurzen Stück Literatur, das ich letztes Jahr an der Hochschule niederschrieb. Man gab uns zur Inspiration nichts weiter als ein Bild. Hier das Endprodukt dieses Projekts, nach ein paar Überarbeitungsphasen...


"Da liegt er nun, dieser Handschuh. Gelandet auf dem Boden der Tatsachen, der ihm in der Form einer Treppe am Bahnhof Winterthur begegnet ist. Sein Besitzer Hans, 61-jährig, hatte ihn aufgrund der unerwarteten Wärme, die er bei der Ankunft im herbstlichen „Winti“ festgestellt hatte, in seine Tasche stecken wollen und versehentlich sein Ziel verfehlt. Dann war der baldige Rentner eilends im Meer der Menschen verschwunden, die hier täglich ein- und ausgehen. Dieses Schauspiel, das man hier zu Stosszeiten erlebt und das manchmal kleinen Völkerwanderungen gleichzukommen scheint, ist ziemlich eindrücklich. Die Stadt boomt. Im letzten Jahrzehnt hat ihre Einwohnerzahl die 100‘000er-Marke gesprengt. Über 7000 Studenten arbeiten an den hier ansässigen ZHAW-Departementen ihren Bachelors und Masters entgegen. Die erwähnte Treppe wird sich also nicht über zu wenig "Kundschaft" beklagen können. Doch nun liegt dieser Handschuh dort, und das ist ein Problem. Immerhin verunreinigt er das reine, makellose Bild des Bahnhofs, der ja immerhin in der sauberen Schweiz liegt und gewissen Standards genügen sollte!

Bald werden also die Angestellten der Stadtreinigung vorbei kommen und sich fragen, wie mit diesem Fremdkörper umzugehen sei. Fest steht: Er muss weg. Wo kämen wir denn auch hin, wenn jeder seine Handschuhe an öffentlichen Orten herumliegen liesse? Eine Verunreinigung der Allmend liegt hier vor, und dagegen muss rigoros vorgegangen werden. Es stellt sich lediglich die Frage: Welches Extrem der Fürsorge werden die Angestellten mit ihrem Gewissen vereinbaren können? Ist es der Gang zum Mülleimer oder der zum Fundbüro? Wird das Gewissen überhaupt eingeschaltet, oder wird willkürlich entschieden? Findet das Kleidungsstück wieder zu seinem Besitzer zurück? Es wäre ihm zu wünschen, denn die Realität, mit der es nun konfrontiert worden ist, sieht so aus: Ohne seinen Besitzer, den Menschen, ist es schlicht nicht von Bedeutung. Wie gross kann diese Bedeutung, die Verehrung eines solch unspektakulären Gegenstandes, wohl überhaupt werden? Der Spielraum ist nicht zu unterschätzen, wie etwa der Österreicher Niko Alm gezeigt hat. Ihm war es als Anhänger der „Kirche des fliegenden Spaghettimonsters“ (gegründet 2005 vom US-Amerikaner B. Henderson) möglich, für sein Führerscheinfoto mit einem Pasta-Abtropfsieb auf dem Kopf abgelichtet zu werden. Einem Handschuh ist wahrscheinlich noch nie in diesem Masse Ehre zuteil geworden. Sollte sich dies nicht ändern? Ist ein Handschuh etwa weniger der Verehrung würdig als ein Nudelsieb?

Die Frage, wie innig die Beziehung zu einem unbelebten Gegenstand sein sollte, muss wohl jeder belebte Mensch für sich selbst beantworten. Bis sie für unseren Handschuh geklärt ist, dürfte es nicht mehr allzu lange dauern. Die Beziehung zu Besitzer Hans wird auf die Probe gestellt. Wird dieser nach seinem Begleiter suchen? Oder ihn kaltblütig den Stadtreinigungsleuten überlassen, die mit ihren womöglich ausländischen Händen um die vielgepriesene Sauberkeit der Schweiz besorgt sind, und ihn einfach ersetzen? Ist Ihnen aufgefallen, dass er dabei in einem Schuhgeschäft keinen Erfolg haben wird, obwohl wir hier eindeutig von einem Hand-Schuh sprechen? Ist Ihnen zudem aufgefallen, zu welchen Ausführungen das philosophisch veranlagte Hirn fähig ist, sei der Ausgangspunkt auch noch so banal? Ich wünsche Hans und seinem Handschuh alles Gute für die Zukunft."

Tja, damit ist für's Erste alles gesagt. Gehabt euch wohl.

-Der Sprachbeschreiber

P.S. Da fällt mir doch noch was ein! Falls das jemand von den Basler Verkehrsbetrieben liest: Kürzlich hatten Sie auf ihren Stationsanzeigetafeln die Meldung eingeblendet, dass die Tramlinien zum Bahnhof SBB "umgeleidet" werden müssten. Da ist Ihnen ein Fehler unterlaufen. Es müsste wenn schon "umgelitten" heissen! Etwas mehr Konsequenz bei solchen Experimenten, wenn ich bitten darf. :P

Montag, 13. Januar 2014

5: "Das seit me halt so!"

Ich mache mir oft Gedanken über "eingefrorene" Wendungen und "idiomatische Traditionen", die wir regelmässig und praktisch immer im selben Wortlaut benutzen, meist ohne daran zu denken, was wir da eigentlich sagen. Es gibt harmlose, amüsante Beispiele. Haben Sie sich zum Beispiel schon einmal die Metaphern vorgestellt, die hinter der Aussage "Schiess los, ich bin ganz Ohr" stecken? Besonders anschaulich wird's, wenn Sie solche Redewendungen Wort für Wort zu übersetzen versuchen. "Start shooting, I'm nothing but an ear." (Hier gibt's mehr davon) Wie meine Freunde wissen, mache ich mich auch gern über zumindest theoretisch falsch angewendete Modalverben lustig. Ich als Allergiker werde zum Beispiel oft gefragt: "Gäll, du dörfsch keini Nüss ässe?". Dann sage ich grinsend: "Ich dörf sehr wohl. Ich kas au. Ich machs eifach nid so gärn." Und wenn man mich fragt, ob ich darüber informieren könne, wieviel Uhr es sei, dann denke ich mir jedes Mal, dass die korrekte Antwort darauf eigentlich aus nichts weiter als "Ja" bestehen würde. Das ist allerdings ein Spezialfall: Wir empfinden es bei sozialer Distanz als höflicher, wenn man Dinge indirekt anspricht. Kein zivilisierter Mensch würde auf einen Fremden zugehen und sagen: "Sagen Sie mir die Uhrzeit!". Andere Beispiele: Wussten Sie, dass "Sinn machen" direkt aus dem Englischen übernommen wurde und im Deutschen falsch ist (fragen Sie Bastian Sick)? Und wussten Sie - damit sind besonders Herr und Frau Schweizer gemeint - dass man in aller Regel gar nicht "auf" den Zug, sondern "in" diesen geht (das kommt vielleicht aus dem Indischen)? Solche Dinge gelten nur als richtig, weil es eben alle so sagen, so dass man trotzdem versteht, was gemeint ist. Ist also nicht so tragisch. Das sind lediglich lockere, unterhaltsame Beispiele. Es gibt auch tiefgründigere. Traditionen haben ihre Tücken.

Eine Frage: Wie oft haben Sie schon "es tut mir leid" gesagt und genau das gemeint? Auch hier hat mir eine andere Sprache die Augen geöffnet. Auf Spanisch sagt man "Lo siento", was direkt übersetzt soviel heisst wie "Ich fühle es". Als ich das zum ersten Mal hörte, dachte ich: "Das ist ja stark. Sollte man auf Deutsch auch einführen. Nein, Moment mal - gibt es schon..!". Diese Wendung ist wie die meisten so abgedroschen, dass wir uns oft nicht mehr bewusst sind, was wir damit ausdrücken. Was die Wendung aussagen will, ist etwas, das erst so richtig zur Geltung kommt, wenn wir sie paraphrasieren (in anderen Worten ausdrücken) und so die eingefrorene Wendung "auftauen". Etwa so: "Hör mal, ich leide echt wegen dem, was ich getan habe." Wow. Das hat Kraft. Ein anderes Beispiel ist die Frage, auf die wohl die meisten gelogenen Antworten folgen: "Wie geht's dir?" (Vermutlich liegt die Frage in Tat und Wahrheit auf Rang 2, gleich nach "Haben Sie die Geschäftsbedingungen gelesen und akzeptiert?") Diese wörtliche Bedeutung ist schon etwas schwieriger zu entschlüsseln. Ich spüre eine dominante wirtschaftliche Note darin. Wie erfolgreich, wie effizient bist du in dem, was du anpackst? Das ist zumindest meine Ansicht. Dazu kommt die unsägliche Abgedroschenheit. Was wollen wir eigentlich wissen, wenn wir das fragen, und hört man das der Frage (noch) an? Ich halte es auch hier für sympathischer, wenn man paraphrasiert. "Wie fühlst du dich?", "Wie läuft dein Leben so?". Auf solche konkreten Fragen, die ehrliches Interesse suggerieren, kann man doch auch besser antworten, nicht? Der Dialog "Wie geht's dir?" - "Gut" hat wohl noch kaum jemandem wirklich etwas  gebracht, selbst wenn gute Absichten dahinter standen. Aber wenn's bei Ihnen klappt, dann will ich nichts dagegen sagen.

Seien Sie aber gewarnt: Die Sprachwissenschaft, die Linguistik, warnt vor den Gefahren der Abgedroschenheit, vor dem, was man halt so traditionell sagt. Bei der Sprechaktgestaltung zum Beispiel gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, Höflichkeit in eventuell Problematisches wie Bitten oder Kritik zu mischen. Und abgedroschene, eingefrorene Formulierungen wie "Entschuldigen Sie...", "Wären Sie so freundlich...", oder "Ich will ja nicht unhöflich sein, aber...", werden von Linguisten als "negative" Höflichkeit bezeichnet; sie seien ungeschickte, wenig gefühlvolle Versuche der Schonung des Gegenübers. Positive Höflichkeit, durch die am wenigsten Geschirr zerschlagen werde, erreiche man durch die individuelle Betonung der Sympathie für den anderen und die gute Beziehung zu ihm: "Du machst das wirklich gut, aber...", "Ich wäre dir sehr dankbar, wenn...", "Du weisst, ich mag dich sehr gern, aber...".

Eine bedenkliche "Tradition" ist auch das Verallgemeinern. Im argumentativen Sektor ist der Zusammenhang zwischen Sagen und Meinen besonders wichtig und oft nur teilweise vorhanden. Wir weichen beim Streiten regelmässig von der Realität ab, um unseren Äusserungen mehr Schlagkraft zu verleihen und den anderen einzuschüchtern, nur damit wir als Sieger aus der jeweiligen Auseinandersetzung hervorgehen. Besonders gern wird dabei verallgemeinert. Der andere mache etwa nie den Abwasch, müsse immer das letzte Wort haben und habe beim Eintreten mit seinen dreckigen Schuhen wieder einmal alles verschmutzt. So sagt man das eben im Affekt. Solche Aussagen entsprechen enorm selten der tatsächlichen Faktenlage, aber es würde halt einfach zu wenig überzeugend klingen, wenn man sich an die Fakten hielte. Da - die Vorzüge der linguistic awareness: Wenn man sich eingesteht, dass es vielleicht tatsächlich nicht "immer", "nie" oder "alles" ist, kann man daraus schliessen, dass der andere vielleicht gar nicht der niederträchtige Nichtsnutz ist, als den man ihn bezeichnet, und dass man nicht mehr das Ziel der Konfliktlösung, sondern das der Diffamierung des Gegenübers verfolgt.

Verallgemeinerung ist auch in anderen Zusammenhängen ein Thema, denn sie spart Zeit und kognitiven Aufwand. Die "Sprachökonomie" ist ein Phänomen, das Wörter und Sätze immer kürzer und knapper werden lässt. Kannten Sie etwa das "zipfsche Gesetz"? Dieses besagt: Je länger ein Wort ist und je öfter es verwendet wird, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass dafür eine Abkürzung eingeführt wird, ein Akronym oder ähnliches (passiert z.B. oft bei Schulfächern). Eine Berufsgruppe, die den Aufwand nicht scheut, ist die der Wissenschaftler: In ihren Artikeln wird z.B. in aller Regel viel Wert darauf gelegt, möglicherweise falsche Annahmen als solche zu kennzeichnen, selbst wenn man sich bei seinen Ergebnissen absolut sicher ist. Man nennt das "hedging": Es lässt die Möglichkeit für andere Meinungen und neue Forschungsergebnisse offen und zeigt Ehrlichkeit und Bescheidenheit. Aber in der Alltagssprache heisst's zumeist: Sprachökonomie über alles. Beispiel: Ich komme ins Wohnzimmer, mein Bruder hat die MTV-Top Ten laut aufgedreht. Ich verdrehe genervt die Augen und sage: "Das ist doch keine Musik mehr!". Irgendwann denke ich über diese Äusserung nach. 'Moment mal - das stimmt so nicht. Es ist leider eigentlich schon Musik. Und vielen gefällt's... Es muss sich um meine persönliche Meinung handeln. Hätte ich auch so sagen können.' Man hört solche Aussagen oft genug: "Dieses Essen schmeckt ja scheusslich!". "Dieser Film ist total langweilig!". "Deine Berufswahl ist völlig falsch!". Das Universum besteht nur zu einem ganz winzigen Teil aus einem selbst. Man sollte - pardon, ich finde, man könnte sich gelegentlich ruhig etwas respektvoller und bescheidener geben und Statements, die eigene Meinungen darstellen, auch im alltäglichen Gebrauch ab und zu als subjektive Ansichten bezeichnen, Aufwand hin oder her. Vielleicht bringt's ja was.

Es stellen sich, wie bereits bei der Einführung des Begriffs der linguistic awareness erwähnt, folgende Fragen: Wer wäre zu Verhaltensänderungen wie der letztgenannten bereit, und wären diese sinnvoll? Welche Ideen sind umsetzbar? Wo wäre es eine gute Idee, sich Mühe zu geben, bewusster zu kommunizieren, und der bequemen Alltagssprache den Kampf anzusagen? Geben Sie ihren Senf doch zwischen dem 13ten und 19ten Januar in der exemplarischen Umfrage in der rechten Spalte dazu. Auch Meinungen in den Kommentaren sind nicht verboten, wenn Sie Lust haben. So, dann können wir hier abbrechen, denke ich. Bis nächste Woche.

- Der Sprachbeschreiber