Ich mache mir oft Gedanken über "eingefrorene" Wendungen und "idiomatische Traditionen", die wir regelmässig und praktisch immer im selben Wortlaut benutzen, meist ohne daran zu denken, was wir da eigentlich sagen. Es gibt harmlose, amüsante Beispiele. Haben Sie sich zum Beispiel schon einmal die Metaphern vorgestellt, die hinter der Aussage "Schiess los, ich bin ganz Ohr" stecken? Besonders anschaulich wird's, wenn Sie solche Redewendungen Wort für Wort zu übersetzen versuchen. "Start shooting, I'm nothing but an ear." (Hier gibt's mehr davon) Wie meine Freunde wissen, mache ich mich auch gern über zumindest theoretisch falsch angewendete Modalverben lustig. Ich als Allergiker werde zum Beispiel oft gefragt: "Gäll, du dörfsch keini Nüss ässe?". Dann sage ich grinsend: "Ich dörf sehr wohl. Ich kas au. Ich machs eifach nid so gärn." Und wenn man mich fragt, ob ich darüber informieren könne, wieviel Uhr es sei, dann denke ich mir jedes Mal, dass die korrekte Antwort darauf eigentlich aus nichts weiter als "Ja" bestehen würde. Das ist allerdings ein Spezialfall: Wir empfinden es bei sozialer Distanz als höflicher, wenn man Dinge indirekt anspricht. Kein zivilisierter Mensch würde auf einen Fremden zugehen und sagen: "Sagen Sie mir die Uhrzeit!". Andere Beispiele: Wussten Sie, dass "Sinn machen" direkt aus dem Englischen übernommen wurde und im Deutschen falsch ist (fragen Sie Bastian Sick)? Und wussten Sie - damit sind besonders Herr und Frau Schweizer gemeint - dass man in aller Regel gar nicht "auf" den Zug, sondern "in" diesen geht (das kommt vielleicht aus dem Indischen)? Solche Dinge gelten nur als richtig, weil es eben alle so sagen, so dass man trotzdem versteht, was gemeint ist. Ist also nicht so tragisch. Das sind lediglich lockere, unterhaltsame Beispiele. Es gibt auch tiefgründigere. Traditionen haben ihre Tücken.
Eine Frage: Wie oft haben Sie schon "es tut mir leid" gesagt und genau das gemeint? Auch hier hat mir eine andere Sprache die Augen geöffnet. Auf Spanisch sagt man "Lo siento", was direkt übersetzt soviel heisst wie "Ich fühle es". Als ich das zum ersten Mal hörte, dachte ich: "Das ist ja stark. Sollte man auf Deutsch auch einführen. Nein, Moment mal - gibt es schon..!". Diese Wendung ist wie die meisten so abgedroschen, dass wir uns oft nicht mehr bewusst sind, was wir damit ausdrücken. Was die Wendung aussagen will, ist etwas, das erst so richtig zur Geltung kommt, wenn wir sie paraphrasieren (in anderen Worten ausdrücken) und so die eingefrorene Wendung "auftauen". Etwa so: "Hör mal, ich leide echt wegen dem, was ich getan habe." Wow. Das hat Kraft. Ein anderes Beispiel ist die Frage, auf die wohl die meisten gelogenen Antworten folgen: "Wie geht's dir?" (Vermutlich liegt die Frage in Tat und Wahrheit auf Rang 2, gleich nach "Haben Sie die Geschäftsbedingungen gelesen und akzeptiert?") Diese wörtliche Bedeutung ist schon etwas schwieriger zu entschlüsseln. Ich spüre eine dominante wirtschaftliche Note darin. Wie erfolgreich, wie effizient bist du in dem, was du anpackst? Das ist zumindest meine Ansicht. Dazu kommt die unsägliche Abgedroschenheit. Was wollen wir eigentlich wissen, wenn wir das fragen, und hört man das der Frage (noch) an? Ich halte es auch hier für sympathischer, wenn man paraphrasiert. "Wie fühlst du dich?", "Wie läuft dein Leben so?". Auf solche konkreten Fragen, die ehrliches Interesse suggerieren, kann man doch auch besser antworten, nicht? Der Dialog "Wie geht's dir?" - "Gut" hat wohl noch kaum jemandem wirklich etwas gebracht, selbst wenn gute Absichten dahinter standen. Aber wenn's bei Ihnen klappt, dann will ich nichts dagegen sagen.
Seien Sie aber gewarnt: Die Sprachwissenschaft, die Linguistik, warnt vor den Gefahren der Abgedroschenheit, vor dem, was man halt so traditionell sagt. Bei der Sprechaktgestaltung zum Beispiel gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, Höflichkeit in eventuell Problematisches wie Bitten oder Kritik zu mischen. Und abgedroschene, eingefrorene Formulierungen wie "Entschuldigen Sie...", "Wären Sie so freundlich...", oder "Ich will ja nicht unhöflich sein, aber...", werden von Linguisten als "negative" Höflichkeit bezeichnet; sie seien ungeschickte, wenig gefühlvolle Versuche der Schonung des Gegenübers. Positive Höflichkeit, durch die am wenigsten Geschirr zerschlagen werde, erreiche man durch die individuelle Betonung der Sympathie für den anderen und die gute Beziehung zu ihm: "Du machst das wirklich gut, aber...", "Ich wäre dir sehr dankbar, wenn...", "Du weisst, ich mag dich sehr gern, aber...".
Eine bedenkliche "Tradition" ist auch das Verallgemeinern. Im argumentativen Sektor ist der Zusammenhang zwischen Sagen und Meinen besonders wichtig und oft nur teilweise vorhanden. Wir weichen beim Streiten regelmässig von der Realität ab, um unseren Äusserungen mehr Schlagkraft zu verleihen und den anderen einzuschüchtern, nur damit wir als Sieger aus der jeweiligen Auseinandersetzung hervorgehen. Besonders gern wird dabei verallgemeinert. Der andere mache etwa nie den Abwasch, müsse immer das letzte Wort haben und habe beim Eintreten mit seinen dreckigen Schuhen wieder einmal alles verschmutzt. So sagt man das eben im Affekt. Solche Aussagen entsprechen enorm selten der tatsächlichen Faktenlage, aber es würde halt einfach zu wenig überzeugend klingen, wenn man sich an die Fakten hielte. Da - die Vorzüge der linguistic awareness: Wenn man sich eingesteht, dass es vielleicht tatsächlich nicht "immer", "nie" oder "alles" ist, kann man daraus schliessen, dass der andere vielleicht gar nicht der niederträchtige Nichtsnutz ist, als den man ihn bezeichnet, und dass man nicht mehr das Ziel der Konfliktlösung, sondern das der Diffamierung des Gegenübers verfolgt.
Verallgemeinerung ist auch in anderen Zusammenhängen ein Thema, denn sie spart Zeit und kognitiven Aufwand. Die "Sprachökonomie" ist ein Phänomen, das Wörter und Sätze immer kürzer und knapper werden lässt. Kannten Sie etwa das "zipfsche Gesetz"? Dieses besagt: Je länger ein Wort ist und je öfter es verwendet wird, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass dafür eine Abkürzung eingeführt wird, ein Akronym oder ähnliches (passiert z.B. oft bei Schulfächern). Eine Berufsgruppe, die den Aufwand nicht scheut, ist die der Wissenschaftler: In ihren Artikeln wird z.B. in aller Regel viel Wert darauf gelegt, möglicherweise falsche Annahmen als solche zu kennzeichnen, selbst wenn man sich bei seinen Ergebnissen absolut sicher ist. Man nennt das "hedging": Es lässt die Möglichkeit für andere Meinungen und neue Forschungsergebnisse offen und zeigt Ehrlichkeit und Bescheidenheit. Aber in der Alltagssprache heisst's zumeist: Sprachökonomie über alles. Beispiel: Ich komme ins Wohnzimmer, mein Bruder hat die MTV-Top Ten laut aufgedreht. Ich verdrehe genervt die Augen und sage: "Das ist doch keine Musik mehr!". Irgendwann denke ich über diese Äusserung nach. 'Moment mal - das stimmt so nicht. Es ist leider eigentlich schon Musik. Und vielen gefällt's... Es muss sich um meine persönliche Meinung handeln. Hätte ich auch so sagen können.' Man hört solche Aussagen oft genug: "Dieses Essen schmeckt ja scheusslich!". "Dieser Film ist total langweilig!". "Deine Berufswahl ist völlig falsch!". Das Universum besteht nur zu einem ganz winzigen Teil aus einem selbst. Man sollte - pardon, ich finde, man könnte sich gelegentlich ruhig etwas respektvoller und bescheidener geben und Statements, die eigene Meinungen darstellen, auch im alltäglichen Gebrauch ab und zu als subjektive Ansichten bezeichnen, Aufwand hin oder her. Vielleicht bringt's ja was.
Es stellen sich, wie bereits bei der Einführung des Begriffs der linguistic awareness erwähnt, folgende Fragen: Wer wäre zu Verhaltensänderungen wie der letztgenannten bereit, und wären diese sinnvoll? Welche Ideen sind umsetzbar? Wo wäre es eine gute Idee, sich Mühe zu geben, bewusster zu kommunizieren, und der bequemen Alltagssprache den Kampf anzusagen? Geben Sie ihren Senf doch zwischen dem 13ten und 19ten Januar in der exemplarischen Umfrage in der rechten Spalte dazu. Auch Meinungen in den Kommentaren sind nicht verboten, wenn Sie Lust haben. So, dann können wir hier abbrechen, denke ich. Bis nächste Woche.
- Der Sprachbeschreiber
Montag, 13. Januar 2014
Montag, 6. Januar 2014
4: Linguistic Awareness
Sooo, heute will ich einen Begriff einführen, den ich höchstpersönlich begründet habe, und der gewissermassen der Inspirationsquelle für diesen Blog einen Namen gibt: Den des sogenannten linguistischen Bewusstseins, der "linguistic awareness".Sprache funktioniert im Alltag weitgehend automatisch. Wir machen uns im Allgemeinen eher selten Gedanken über die genaue Beschaffenheit und Funktionsweise dessen, was wir tagtäglich so von uns geben. Tun wir dies aber öfters, dann verfügen wir über ein gesteigertes Mass an linguistic awareness. Je stärker die Ausprägung, die wir durch Bildung und Interesse an Sprache fördern können, desto eher erkennen wir z.B. Grammatikfehler oder machen uns Gedanken über Aussagen, die mehrere Verstehensmöglichkeiten bieten. Was man mit diesem Werkzeug in den Minen der Alltagssprache so alles zutage fördern kann, möchte ich in diesem Blog aufzeigen.
Die Thematik, die mich wohl am meisten beschäftigt, ist die folgende: Wir meinen ja immer gewisse Dinge, wenn wir etwas sagen. Aber manchmal stimmt das Gemeinte nicht eins zu eins mit dem wörtlichen Inhalt der Aussage überein. Ja, oft passiert das wegen grammatischen oder orthographischen Fehlern. Man kann sich in einem Blog wie diesem immer über Fehler aufregen. Das ist ganz unterhaltsam, aber wenn man dabei bleibt, macht man es sich doch etwas gar einfach. Spannend wird es, wenn man rein grammatisch und orthographisch keine Fehler ausmachen kann.
Bei ungewollter Mehrdeutigkeit zum Beispiel. Oder etwa dann, wenn das Gesagte nur aus konventionellen oder sprachgeschichtlichen Gründen oder nur nach der Meinung des Sprechers mit dem Gemeinten zusammenhängt. Bei abgedroschenen Wendungen, die man "halt eben so sagt", wenn man in Gesprächen unbedingt die Oberhand behalten will und von Gefühlen geleitet ist, oder weil man beim Sprechen Aufwand scheut. Über solche Dinge lässt sich reichlich nachdenken und philosophieren, und man kann "optimalere" Lösungen vorschlagen. Die zentrale Frage liegt dann immer bei Sinn und Unsinn der ganzen Angelegenheit: Die Sprache funktioniert doch so, wie sie ist! Ist es nicht egal, wenn Gesagtes und Gemeintes nicht hundertprozentig übereinstimmt? Man versteht sich doch, wenn man so spricht, wie eben gesprochen wird! Oder..? Wie auch immer: Obwohl ich die Sprache immer als irgendwie gegenteilig zur Mathematik angesehen habe, stelle ich nun bei der vertieften Theoriebeschäftigung doch Parallelen fest: Mathematiker und Physiker beschäftigen sich zuweilen auch gern mit Problemen, die in der realen Welt keine praktischen Relevanz haben, die nur unter veränderten Bedingungen existieren und gelöst werden können. Aber wie sagte doch Richard Feynman: "Physik ist wie Sex. Manchmal kommt etwas Nützliches dabei heraus. Aber deshalb betreiben wir sie nicht."
Und so will ich es grundsätzlich auch mit meinem Blog halten. Es soll primär Spass machen. Aber wer weiss, vielleicht wird der Sprachbeschreiber die Sprachrealität revolutionieren. Seien Sie dabei, wenn's soweit ist. Sie sind herzlich dazu eingeladen, ihre linguistic awareness mit Hilfe der Gedanken des Sprachbeschreibes zu entdecken und zu fördern. Aber ich muss Sie warnen: Sie könnten als Nebenprodukt eine blühende Sprachphantasie entwickeln, die anderen möglicherweise hin und wieder auf die Nerven geht. Aber dazu später mehr. Ade.
-Der Sprachbeschreiber
P.S. Bastian Sick, Schlussredakteur der Onlineredaktion des Magazins "Der Spiegel", Kolumnist ("Zwiebelfisch") und Buchautor ("Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod"), verfügt über eine stark ausgeprägte linguistic awareness, was ihn zu einem interessanten Sprachbeschreiber macht. Wenn Sie mal 1,5 Stunden Zeit haben sollten, dann gehen Sie doch mal in seinem Bühnenprogramm, das Sie sich unten zu Gemüte führen können, auf Safari durch die Welt des linguistischen Bewusstseins. Sie ahnen ja gar nicht, wie gut ich diesen Menschen und seine Ausführungen verstehen kann...
Montag, 30. Dezember 2013
3: Ein Vor Schlag für einen Vor Satz
Ich möchte der deutschen Sprachgemeinschaft (das seid ihr alle, die ihr der deutschen Sprache mächtig seid!) zu Silvester einen guten Vorsatz für 2014 vorschlagen. Symptomatisch für einen bedenklichen Trend in der deutschen Sprache prangt folgender Schriftzug in leuchtenden Lettern über dem Barfüsserplatz in Basel:
Jetzt kommt's: Wenn Sie über ein geschultes Auge für die Funktionsweise der deutschen Sprache verfügen, dann sehen Sie da zunächst mal drei Worte, die in keiner erkennbaren Beziehung zueinander stehen. Was soll uns mitgeteilt werden? In diesem Haus, das sich in Basel befindet, gibt es Spielzeug, Welten und ein Museum..? Es stellt sich die Frage, ob ich enttäuscht sein soll, wenn sie mit Überraschung darauf reagieren sollten, dass es sich laut deutscher Grammatik mit dieser Gebäudebeschriftung tatsächlich so verhält. Auf Englisch wäre das etwas anderes, gewiss. Daher stammt wohl der Glaube, dass man so etwas tun könne. Aber auf Deutsch müsste man die Worte univerbieren (Spielzeugweltenmuseum) oder durchkoppeln (z.B. Spielzeugwelten-Museum). Und doch sieht man mehr und mehr deutsche Texte, deren Autoren sich dieser Regeln nicht bewusst zu sein scheinen.
Sehen Sie: Es gibt zwar Regeln für die Sprache, aber bei manchen Regelverstössen wird das Verständnis der davon betroffenen Mitteilungen kaum erschwert. Vielleicht, weil wir nicht alle Regeln unserer Sprache bis ins letzte Detail kennen und immer präsent haben. Vielleicht, weil das menschliche Gehirn beim Lesen mit der Zeit vom Entziffern zum "Scannen" wechselt und statt Buchstaben ganze Worte aufnimmt, wodurch wir kleine Ungereimtheiten eher übersehen (Wer's nicht glaubt, widme sich kurz folgender ->Lektüre). Und vielleicht auch, weil wir eine gewisse Intelligenz besitzen, die es uns erlaubt, auch aus leicht falschen Konstruktionen die intendierte Bedeutung herauszulesen. Es wäre ja nicht so, als wäre die Bedeutung der Beschriftung des Spielzeugweltenmuseums nicht erschliessbar. Aber wir wissen: Ohne Regeln klappt Kommunikation nun mal irgendwann nicht mehr. Ich habe bereits ein Beispiel entdeckt, bei dem die falsche Getrenntschreibung eine klar erkennbare falsche Message aussendet (meine Facebookfreunde dürften es bereits kennen):
Welch grausame Verstümmelung. Da wurde ein hilfloses Adjektiv kaltblütig auseinandergerissen. Und dann ist das hier in diesem Fall eindeutig kein Adjektiv mehr. Die gute Protectas teilt uns den Regeln nach mit, dass hier der Alarm gesichert sei. Hier wird aus meiner Sicht selbst die grosszügig gesteckte Grenze der dichterischen Freiheit überschritten, auf die sich der Autor hier zudem keineswegs berufen könnte. Gute Leute, gebt Acht, damit uns der Getrenntschreib-Trend nicht in unnötige Verständnisschwierigkeiten führt! Oder in Verzweiflung, so wie am Zürcher HB:
Da reib' ich mir die Augen. Man zerreisst mittlerweile nicht nur Komposita, sondern sogar alleinstehende Wörter?! Warum?! Entweder ist das ein ganz besonders schlimmes Beispiel für den Regelzerfall, oder es ist ein grauenhaftes Wortspiel. Pest oder Cholera. Ich rate: Baut wieder bewusst mehr echte Komposita (zusammengesetzte Wörter)! Das ist in der deutschen Sprache etwas ganz Besonderes, und es wäre schade, wenn man es so kaputt machen würde. So, genug der warnenden Worte, jetzt kann das neue Jahr kommen. Ich wünsche Ihnen, dass es ein gutes wird - und wenn nicht, dann zumindest ein lehrreiches.
-Der Sprachbeschreiber
P.S. Meine Güte, das war ja bierernst heute. Schauen Sie sich doch zur Auflockerung diesen Hund an. Hihi.
Montag, 23. Dezember 2013
2: Erste Stellungnahme zur Dialektproblematik
Es war am Mittwoch, dem 11.12.13. Der FC Basel verlor gegen den FC Schalke 04, was den fanatischsten unter den Anhänger des Schweizer Clubs in ihrem wieder einmal aufgekommenen Grössenwahn einen herben Dämpfer versetzte. Da waren sie aber ungehalten. Auf Facebook musste ich mitansehen, wie sie unter den Posts zum Fussballspiel Kommentargefechte anzuzetteln begannen. Mir wurde dabei ob der gewaltigen Boshaftigkeit und Ignoranz der Teilnehmer beinahe übel. Ich bin selbst ein grosser Fussballfan und bestens vertraut mit den teils starken Emotionen, die bei solchen Affichen aufkommen. Für das beobachtete Verhalten habe ich dennoch nicht das geringste Verständnis: Beschimpfungen voller Vorurteile und Stigmatisierungen brechen aus den Beteiligten hervor, kaum einer zeigt die Fähigkeit, sachlich zu diskutieren. Diffamieren statt Argumentieren, so die Devise:
Und mir fällt auf, dass sich dabei wieder einmal folgendes zeigt: Sprache ist für Menschen meist kaum zu trennen von Identität. Die beteiligten Schweizer formulieren ihre Beschimpfungen in übertriebenem Nationalstolz auf Schweizerdeutsch. Hochdeutsch steht für das Fremde, das Böse, für Arroganz, für den Feind im Norden, und deshalb prahlt man hochnäsig mit der eigenen Sprachvarietät. "Mir bruuche eures verfickte Dütsch nid!". Auch viele deutsche Fans begeben sich auf dieses Niveau herunter und bezeichnen die Schweizer als primitive Bauern, die "noch nicht mal ne Grammatik" besässen, und machen sich über das Schweizerdeutsch lustig. Traurig - insbesondere dann, wenn einem klar wird, dass es eigentlich nur um das Ergebnis von einem Ballspiel ging 1.
1= Der Genitiv ist heute akut vom Aussterben bedroht. Stoppen Sie diesen Wahnsinn. Genitiv bewahren, beim Dativ sparen. Besten Dank für Ihren Beitrag als Mitglied der Sprachgemeinschaft Deutsch.
Fest steht, dass die Vertreter beider Seiten bei mir reichlich Respekt verloren haben, ohne dass ich sie persönlich getroffen hätte. Schade, schade. Das Hochdeutsche und die Schweizer Dialekte haben die selben Wurzeln. Die Bezeichnung "Hochdeutsch" bedeutet nicht, dass diese Varietät per se etwas besseres ist als andere, sondern nur, dass sie weiter nördlich Verwendung findet. Aber eins müssen wir Schweizer uns ganz einfach eingestehen: Unsere Varietät ist nun mal nicht ausreichend kodifiziert (=durch schriftlich festgehaltene Regeln genormt), um etwa zur Landessprache erhoben oder anderweitig im offiziellen Bereich verwendet zu werden. Uns in Hochdeutsch unterrichten zu lassen, erweitert unseren Horizont und signalisiert, dass wir uns darüber im Klaren sind, dass es eine Welt jenseits unserer Landesgrenzen gibt.
Dennoch spreche ich mich in keinster Weise für eine Abschaffung des Dialekts aus. Wie erwähnt stiftet er Identität, und das erlebe ich immer wieder als etwas sehr Schönes. Es fühlt sich doch immer wieder gut an, mit einer eigenen Sprachvarietät kommunizieren zu können, die einzigartiges Merkmal der eigenen Herkunft ist. Man grenzt sich gewissermassen auf eine gute Art ab, so wie es nicht nur bei Dialekten, sondern auch bei Soziolekten geschieht: Jugendsprache ist so eigenwillig, modern, rebellisch und "cool", wie es die Jungen sein wollen, und sie möchten beim Sprechen auf keinen Fall genau gleich klingen wie die älteren Generationen, weil ihnen eine eigene Identität wichtig ist. Wichtig ist nur, dass diese Abgrenzung nicht auf ein ungesundes Niveau abrutscht, so dass es zu starker Trennung und Verachtung kommt - ob zwischen alt und jung oder zwischen Schweizern und Deutschen. Krass: Der Westschweizer Sprachforscher José Ribeaud kritisierte kürzlich die Sprachpolitik der Schweiz und warnte vor einer Konfliktzuspitzung, die in einer Situation wie jener in Belgien enden werde, wo sich ein tiefer Graben zwischen französisch- und niederländischsprachigen Bürgern gebildet hat (hier der Link zum Interview). Denken wir drüber nach! Eine derartige Stufe der Trennung zwischen den Sprachgemeinschaften in und um Helvetien wäre bedauernswert und absolut unnötig. Deshalb schliesse ich für den Moment als Reaktion auf die durch den Fussball erneut aufgekommene Xenophobie zwischen Deutschland und der Schweiz ganz plakativ: Deutschsprachige aller Länder, vereinigt euch! Setzt Sprache nicht gleich mit Identität. Das ist genau so blöd wie Rassismus.
-Der Sprachbeschreiber
P.S. Der Fussballgott sei mir gnädig, denn ich habe mir den Match nicht angesehen. Stattdessen war ich an der Basler Vorpremiere von "The Hobbit: The Desolation of Smaug" anwesend. Der Streifen gefiel mir ausgezeichnet, was unter anderem dem Dialog zwischen dem Drachen Smaug und dem Hobbit Bilbo zu verdanken ist - ein Genuss für jeden Sprachfan; besonders der Drache gibt sich lexikalisch und syntaktisch (in Sachen Vokabular und Satzbau) sehr gebildet. Überzeugen Sie sich am besten selbst davon, wenn Sie's genauer wissen wollen. Ich hoffe, die Szene wurde auf Deutsch ebenbürtig wiedergegeben. Das zu bewerkstelligen, ist nämlich eine Herausforderung, glauben Sie mir. Viele glauben das nämlich nicht. Leider. Doch auch das Brechen einer Lanze für die Translationswissenschaft will ich mir für später aufheben...
P.P.S. Ganz frei von Zwängen möchte ich noch sagen: Frohe Weihnachten, allerseits! Apropos, da fällt mir noch dieses leicht infantile Wortspiel aus einem Thread von tumblr.com ein:
Und mir fällt auf, dass sich dabei wieder einmal folgendes zeigt: Sprache ist für Menschen meist kaum zu trennen von Identität. Die beteiligten Schweizer formulieren ihre Beschimpfungen in übertriebenem Nationalstolz auf Schweizerdeutsch. Hochdeutsch steht für das Fremde, das Böse, für Arroganz, für den Feind im Norden, und deshalb prahlt man hochnäsig mit der eigenen Sprachvarietät. "Mir bruuche eures verfickte Dütsch nid!". Auch viele deutsche Fans begeben sich auf dieses Niveau herunter und bezeichnen die Schweizer als primitive Bauern, die "noch nicht mal ne Grammatik" besässen, und machen sich über das Schweizerdeutsch lustig. Traurig - insbesondere dann, wenn einem klar wird, dass es eigentlich nur um das Ergebnis von einem Ballspiel ging 1.
1= Der Genitiv ist heute akut vom Aussterben bedroht. Stoppen Sie diesen Wahnsinn. Genitiv bewahren, beim Dativ sparen. Besten Dank für Ihren Beitrag als Mitglied der Sprachgemeinschaft Deutsch.
Fest steht, dass die Vertreter beider Seiten bei mir reichlich Respekt verloren haben, ohne dass ich sie persönlich getroffen hätte. Schade, schade. Das Hochdeutsche und die Schweizer Dialekte haben die selben Wurzeln. Die Bezeichnung "Hochdeutsch" bedeutet nicht, dass diese Varietät per se etwas besseres ist als andere, sondern nur, dass sie weiter nördlich Verwendung findet. Aber eins müssen wir Schweizer uns ganz einfach eingestehen: Unsere Varietät ist nun mal nicht ausreichend kodifiziert (=durch schriftlich festgehaltene Regeln genormt), um etwa zur Landessprache erhoben oder anderweitig im offiziellen Bereich verwendet zu werden. Uns in Hochdeutsch unterrichten zu lassen, erweitert unseren Horizont und signalisiert, dass wir uns darüber im Klaren sind, dass es eine Welt jenseits unserer Landesgrenzen gibt.
Dennoch spreche ich mich in keinster Weise für eine Abschaffung des Dialekts aus. Wie erwähnt stiftet er Identität, und das erlebe ich immer wieder als etwas sehr Schönes. Es fühlt sich doch immer wieder gut an, mit einer eigenen Sprachvarietät kommunizieren zu können, die einzigartiges Merkmal der eigenen Herkunft ist. Man grenzt sich gewissermassen auf eine gute Art ab, so wie es nicht nur bei Dialekten, sondern auch bei Soziolekten geschieht: Jugendsprache ist so eigenwillig, modern, rebellisch und "cool", wie es die Jungen sein wollen, und sie möchten beim Sprechen auf keinen Fall genau gleich klingen wie die älteren Generationen, weil ihnen eine eigene Identität wichtig ist. Wichtig ist nur, dass diese Abgrenzung nicht auf ein ungesundes Niveau abrutscht, so dass es zu starker Trennung und Verachtung kommt - ob zwischen alt und jung oder zwischen Schweizern und Deutschen. Krass: Der Westschweizer Sprachforscher José Ribeaud kritisierte kürzlich die Sprachpolitik der Schweiz und warnte vor einer Konfliktzuspitzung, die in einer Situation wie jener in Belgien enden werde, wo sich ein tiefer Graben zwischen französisch- und niederländischsprachigen Bürgern gebildet hat (hier der Link zum Interview). Denken wir drüber nach! Eine derartige Stufe der Trennung zwischen den Sprachgemeinschaften in und um Helvetien wäre bedauernswert und absolut unnötig. Deshalb schliesse ich für den Moment als Reaktion auf die durch den Fussball erneut aufgekommene Xenophobie zwischen Deutschland und der Schweiz ganz plakativ: Deutschsprachige aller Länder, vereinigt euch! Setzt Sprache nicht gleich mit Identität. Das ist genau so blöd wie Rassismus.
-Der Sprachbeschreiber
P.S. Der Fussballgott sei mir gnädig, denn ich habe mir den Match nicht angesehen. Stattdessen war ich an der Basler Vorpremiere von "The Hobbit: The Desolation of Smaug" anwesend. Der Streifen gefiel mir ausgezeichnet, was unter anderem dem Dialog zwischen dem Drachen Smaug und dem Hobbit Bilbo zu verdanken ist - ein Genuss für jeden Sprachfan; besonders der Drache gibt sich lexikalisch und syntaktisch (in Sachen Vokabular und Satzbau) sehr gebildet. Überzeugen Sie sich am besten selbst davon, wenn Sie's genauer wissen wollen. Ich hoffe, die Szene wurde auf Deutsch ebenbürtig wiedergegeben. Das zu bewerkstelligen, ist nämlich eine Herausforderung, glauben Sie mir. Viele glauben das nämlich nicht. Leider. Doch auch das Brechen einer Lanze für die Translationswissenschaft will ich mir für später aufheben...
P.P.S. Ganz frei von Zwängen möchte ich noch sagen: Frohe Weihnachten, allerseits! Apropos, da fällt mir noch dieses leicht infantile Wortspiel aus einem Thread von tumblr.com ein:
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