Montag, 28. Dezember 2015

40: Kuriositätenkabinett 2015

Schönen guten Tag!

Das Jahr ist schon fast um, und als ich letztens in meinem Blog-Bild-Ordner den Unterordner mit dem Titel "Fundstücke" öffnete, durfte ich feststellen, dass da genug Material für ein Kabinett der sprachlichen Kuriositäten im Jahr 2015 zusammengekommen ist. Also los, hereinspaziert und viel Vergnügen mit meinem vierzigsten Post in mittlerweile 2 Jahren Sprachbeschreiber!

Wir sind sie alles andere als los, die Getrennt Schreibung. Dafür dürfen wir Sprachgourmets uns an solchen Missgeschicken erfreuen: Dass ausgerechnet ein Doktor mit Nachnamen Praxis heisst..! Wahrscheinlich gibt es bald auch reichlich Maler und Metzger, die zufälligerweise Meister heissen, Treuhänder, die den Nachnamen Büro tragen, und unsere Lebensmittel kaufen wir beim Unternehmen der Familie Geschäft ein.

Hat jemand von Ihnen Medizin studiert? Dann wüsste ich gern, wo wir am menschlichen Körper überall "Elektromuskeln" vorfinden und wie diese funktionieren. Den Bindestrich hätte man wohl besser woanders hingesetzt.










Beim Besuch des Lokals mit dieser Kuriosität auf der Speisekarte hatte ich noch mit den Nachwirkungen einer Magenverstimmung zu kämpfen. Schade, denn dieses ambitioniert gefüllte Cordon Bleu hätte ich nur schon aus reiner Neugier sehr gerne bestellt.

Wir verlassen das Restaurant und treten auf die Strasse. Und was begegnet uns da? Klassische Orthographiefehler. Ganz simpel und doch immer wieder erstaunlich. Fun Facts: Für "Parck" gibt Google 395'000 Treffer heraus. Der Google Translator erkennt das Wort als lettisches Pendant zum deutschen "Park". Der bekannteste Promi mit dem Namen "Parck" ist laut "wookiepedia" Voss Parck aus dem erweiterten Star Wars-Universum, "der imperiale Offizier, welcher Mitth'raw'nuruodo entdeckte und zum Imperator nach Coruscant brachte." Ich habe aber den leisen Verdacht, dass hier nichts davon gemeint war.
Eine Vorsetzung. Das könnte man sich als zusammenfassenden Begriff für einen Verbund von Vorsitzenden vorstellen. Folglich würde es sich hier um einen freischaffenden Bürgersteig handeln. Es herrscht anscheinend Anarchie im Baugewerbe, und die Bauwerke sind offenbar sehr stolz darauf, dass sie ihre eigenen Chefs sind.



Man kann sich heutzutage ja kaum mehr retten vor Wortspielen auf Plakaten. Hier eines, das mir etwas besser gefallen hat als der Durchschnitt. Schnitt. Haha. Oh nein, ich mache schon mit. Wenn ich in diesem Abschnitt weiter so die Klinge führe, steht die Zukunft auf Messers Schneide: Am Ende fange ich mir scharfzüngige Kommentar ein und schneide ich mir ins eigene Fleisch. Nein, ich kann's nicht lassen.

Der hier ist vom Basler Weihnachtsmarkt, bereits gepostet auf meiner Facebook-Fanpage. Ja, wohin nur mit dem verflixten Strichlein? Und "fraîche" zieht in der anglisierten Welt von heute halt den Kürzeren. So is it.

Ich habe dieses Jahr immer wieder gern die Facebook-Seiten "Kurioses aus der Presseschau" und "Perlen des Lokaljournalismus" besucht. Da sind oft sprachliche Ausrutscher zu sehen, so wie dieser herrliche Orthographiefehler, der im exakt richtigen Moment unterlief.

Hier noch eine Würdigung an dieses kleine sprachliche "Amuse Bouche" auf der Website der Versandapotheke Zur Rose. Irgendwo zwischen stilvoll und kindisch. Wunderbar.


Den Abschluss in meinem Kuriositätenkabinett 2015 macht dieses Bild, bereits bekannt aus Post #38. Es ist in diesem Kabinett gelandet, weil der Flexionsfehler darauf eins der bedeutendsten Phänomene in der Schweizer Sprachrealität des Jahres 2015 darstellt. Merken und sich die Regel nicht hinter die Ohren, sondern irgendwo hin schreiben, man sie auch hin und wieder sieht. Dankeschöön.


So, aus und vorbei! Ich darf wieder einmal daran erinnern, dass Zusendungen von Bildern wie diesen immer sehr willkommen sind. Dann bleibt mir nur noch, einen guten Rutsch zu wünschen. Für die, die noch nicht wissen, warum man das (wahrscheinlich) sagt:

"Möglicherweise handelt es sich um eine Eindeutschung des jiddischen "guten rosch". Jiddisch war/ist - vereinfacht ausgedrückt - die Umgangssprache vor allem europäischer Juden. Hervorgegangen aus dem Deutschen, enthält es Elemente osteuropäischer Sprachen, aber natürlich auch des Hebräischen, weil letzteres sozusagen die Muttersprache der Juden ist. Im Falle des guten Rutsches wird "rosch" auf das jüdische Neujahrsfest "rosch ha-schana" zurückgeführt, wobei das hebräische "rosch" für Kopf oder Haupt steht. Allerdings begehen Juden das Neujahrsfest zumeist im September (das genaue Datum wechselt jährlich). Daher ist es auch gut möglich, dass der gute Rutsch noch unspektakulärer einfach nur auf das Verb rutschen zurückzuführen ist und ein sanftes Hinübergleiten ins neue Jahr gemeint ist." (www.redensarten.net)

Also dann, slide well und bis im neuen Jahr! Alles Gute wünscht

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 14. Dezember 2015

39: "Der Hund starb - was er nicht überlebte" - Meine Favoriten Teil 1

So, was machen wir denn heute? Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen was Unterhaltsames "vorlese" bzw. "vorschreibe", wobei Letzteres schon eine in diesem Zusammenhang unpassende Bedeutung hat? Ich habe mir da kürzlich nämlich ein witziges Buch gekauft. Es trägt den klingenden Namen "Der Hund starb - was er nicht überlebte" und ist eine Sammlung aus 20 Jahren Schreibwettbewerb "Klub der jungen Dichter", an dem Fünft- bis Neuntklässler aus der Schweiz teilnehmen. "Es gibt eine Art von Komik, die nur spontan und unfreiwillig entsteht. Und dann gibt es Formulierungen, auf die nur junge Menschen kommen können", beschreibt der Klappentext treffend die Art von Unterhaltung, die die Lesenden im Buch erwartet: Kleine Schreib- und Grammatikfehler und einfach herrliche Stilblüten. Ich will Ihnen nun zeigen, welche Textausschnitte mir besonders gut gefallen haben. Da das Einige sind, werde ich das in mehreren Teilen tun. Gute Unterhaltung mit Teil 1!

P.S. Das Buch enthält auch viele Sätze, die einfach inhaltlich witzig sind, aber sprachlich (formell) nicht sonderlich auffallen. Diese Sätze habe ich nicht berücksichtigt - ich zeige meinen Lesenden nur sprachliche "Originalität", keine Inhaltliche (auch wenn diese natürlich genauso witzig sein kann!).

"Seine Familie war Bauer."

"Die zwei liefen nebeneinander, Hand in Hand in Hand."

"Lina hat sich voll verknallt. Ihr Verknallter heisst Marco."

"Mit seinen leuchtenden Augen ist er der 'King of Frauenheld'."

Was den jungen Leuten oft passiert, ist, dass sie die idiomatischen Gepflogenheiten bei metaphorischen Konstrukten noch nicht ganz erfasst haben und eigene, zum Schreien komische Metaphern zusammenbasteln:

"Er zerbrach die Gitterstäbe, als wären sie aus Butter."

"Daniel machte Susanne den Hof wie ein räudiger Hund."

"Mein Vater ist ein hohes Streitross in der Regierung."

"Und auf einer modrigen Bank funkelte es zwischen ihnen."

"Er war schön. So schön wie die Faust auf's Auge."


Und natürlich kann immer wieder einmal ein Orthographiefehler genau im falschen Moment passieren:

"Vater hatte uns eine Woche Las Vegas gebucht. Was für eine Überarschung!"

Eins meiner Lieblingsphänomene: Manchmal ist ein Wort oder eine Wendung noch neu im Wortschatz und entsprechend noch nicht genaustens bis ins Detail gespeichert, woraus eine leicht falsche Verwendung resultiert:

"'Mann, küsst du aber schlecht!', sagte sie mit Abschaum in der Stimme."

"Ich küsste ihn scheu auf die Wange. Alle auf dem Pausenplatz schauten uns romantisch an."

"Schmetterlinge häuften sich in meinem Bauch an."

"Die Menschen bekamen einen sehr grossen Schreck in die Hosen."

"Die Liebe kennt keine Horizonte."

"Ich öffnete die Kiste, und ein Buch kullerte heraus."

"Der Käse fiel aus dem zweiten Stock und zersplitterte."

"Sarah, du siehst hinreizend aus."

"Sie näherten sich und - blub - küssten sie sich."

"Die Lehrerin teilte mir mit, dass ich die Klasse überholen musste."

"Ich bin ein Naturschutzbekämpfer."

"Da überquerte ihn eine bildschöne Frau."

"Nach diesem Tag war ich wieder im gewöhnlichen Alltagstrotz."

"Er küsste sie auf den ersten Blick."

"Sie sexten miteinander, und Frau Gerber wurde schwanger."

"Weisst du, das liegt an der Klimaerkältung!"

"Bist du eigentlich nicht ganz gestört?"

"Mario, das Luder, hat eine andere geküsst."

"Der Lehrer begrüsste uns, nachdem er das Zimmer eingetreten hatte."

"Am Morgen der Mathiprüfung hatte ich plötzlich das Gefühl, dass heute etwas Abstraktes passieren würde."


"Vanessa ist die Schönste der Klasse und wird von vielen Jungs angebettelt."

"So der Vater wie der Sohn."

"Ich öffnete die beiden Truhen. In der ersten war das Hochzeitskleid meiner Mutter, in der zweiten das meines Vaters."

"Da dachte Nina nach, ob sie biosexuell ist."

"Sie hat blaue Augen und ein schönes Haar."

"Dann machten sie Schlechtverkehr."


Und dass es Schweizer Kinder sind, die hier schreiben, bemerkt man an Passagen wie diesen, wo sie als freie Übersetzer neue Wörter kreieren:

"Ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht Bürstchen sagen, sondern Junge."

Jeder Rhetoriker weiss um die Wichtigkeit von Wiederholungen:

"Meine Eltern hatten nie etwas mitbekommen. Geschweige denn etwas bemerkt."

Hin und wieder entsteht auch eine "oxymoronische" Konstruktion:

"Wieso kündigt Herr Pfunder einen unangekündigten Test eigentlich an?"

"Die Mutter kam ins Gefängnis. Der Vater und der Sohn lebten traurig und glücklich weiter."

"Plötzlich kamen die Freunde von Nelson: 'Was! Du küsst ein Mädchen? Iiiih, wie schwul!!!'".

"An der Beerdigung des Grossvaters waren alle Verwandten. Sie feierten sehr traurig."

"Ich war schon oft verliebt. Aber noch nie verknallt!"


:'D Wunderbar, nicht? Dann freuen Sie sich schon einmal auf die Fortsetzung!

Mit besten Adventsgrüssen

- Der Sprachbeschreiber

Montag, 16. November 2015

38: 1 kleine Schwierkeit

Nanana. Ein wenig verwirrt, liebe Schweiz? Hat der Wahlkampf die Klarheit der Gedanken beeinträchtigt? Ist es der Jahreszeitenwechsel? Eben war es noch warm, jetzt frieren wir, und sinnbildlich dafür liegt im SPAR neben dem Weihnachtsgebäck die Haribo Goldbären-Sommeredition im Regal. Letztgenanntes Phänomen ist ja aber eigentlich nichts allzu besonderes mehr - bald wird die "Verganzjährlichung" der Saisons Tatsache sein und die Detailhändler werden die Weihnachtsmänner und die Osterhasen das ganze Jahr nebeneinander in die Auslage stellen. Wir leben ja in der Ära der Toleranz, der Postmoderne, und da käme es einem Skandal gleich, Menschen rücksichtslos zu diskriminieren, die im Sommer Christbaumkugeln in ihren Garten hängen und im Winter in diesem grillieren wollen! Aber ich schweife ab. Die Schweiz scheint mir verwirrt, sagte ich. Grund dafür ist Folgendes:

Als ich dieses Schild sah, dachte ich: 'Naja, Lidl, das steht nicht gerade für Gymnasiasten und Germanisten... Kann ja mal passieren.' Aber irgendwie schwante mir schon, dass ich es hier vielleicht doch nicht mit einem Einzelfall zu tun hatte. Und prompt stach mir dann einige Tage später dieses Inserat in die Augen:

In meinem Kopf war in diesem Moment Folgendes zu hören:

Jetzt war die Lage ernst. Die Regeln der Korpuslinguistik besagen ganz simpel und logisch: Wiederholt sich ein Phänomen in der untersuchten Textmenge mehrmals, so ist es als grundsätzlich relevant für den untersuchten Diskurs zu werten. Auf meiner neu gegründeten Facebookseite warnte ich, wenn ich in nächster Zeit noch einmal auf dieses Phänomen treffen würde, gäbe es einen Blogeintrag dazu. Und es dauerte nicht lange (Danke Céline):


Also, liebe Schweiz. Nach meinem ersten Aufschrei aufgrund einer grammatischen Vernachlässigung trete ich nun wieder in der Rolle des Deutschlehrers und pedantischen Linguisten vor dich. Wenn wir einEN unbestimmtEN Artikel im Akkusativ vor ein männliches Nomen stellen, dann flektieren wir diesen, indem wir das Suffix -en anhängen. Einfach veranschaulicht: Man trägt "EIN T-Shirt", aber "einEN Hut". Man hat "KEIN Mitleid", aber "keinEN blassen Schimmer". Soweit die Grammatik.

Ich hielt dann in meiner Neugier auch noch eine Weile lang auf Facebook die Augen offen und fand diesen Fehler in regelmässigen Abständen in den verschiedensten Threads. Und sofort wurde mir klar, dass nicht nur wir Schweizer damit kämpfen. In Deutschland scheint der Fehler sogar schon fast Kultstatus erreicht zu haben: Die Facebookseite "Nachdenkliche Sprüche mit Bilder" macht sich mit ihren Posts über die ach so tiefgründigen Statusmeldungen mancher User lustig und verwendet den Fehler nicht nur ganz gezielt als "Stilmerkmal", sondern geht sogar noch einen Schritt weiter und ersetzt den unbestimmten Artikel durch eine Zahl, weswegen man annehmen muss, dass selbst das mittlerweile zur Mode wird:


Wie konnte es nun zu dieser Mode kommen? Speziell in der Schweiz könnte als Ursache angeführt werden, dass die Flektierung im Schweizerdeutschen sehr undeutlich ist. Im Baseldeutschen ist alles "e": "I ha e Döner gässe." In Zürich gibt's immerhin noch das n dazu: "Ich han en Frosch küsst." Da kann es verständlicher scheinen, dass sich die Regeln beim einen oder anderen nicht so leicht einprägen. Der Hauptgrund dürfte aber in den Eigenschaften der Mündlichkeit liegen: Das -en ist ein Suffix, das man bei gesprochenem Hochdeutsch kaum mehr hört: "Alta, haste dir eansthaft n' Hund gökauft?"

Wenn ich ganz ehrlich bin, halte ich das ganze Genus-Gehabe im Deutschen eigentlich für ziemlich unnötig, auf Englisch geht's ja auch ohne dass man Artikel anpassen muss, nur weil mal jemand beschlossen hat, dass ein Traktor männlich sein soll, eine Tanne weiblich und ein Tablett sächlich. Vielleicht wäre es ja gar nicht so schlecht, wenn sich das 1 durchsetzen sollte (und vor allem witzig!). Leuten mit Migrationshintergrund sind unsere Artikel und Präpositionen so schleierhaft, dass sie sie oft einfach weglassen (Ich ha Kolleg troffe und mir sin Kino gange). Wir würden also auch etwas für die Integration tun.

Grundsätzlich ist aber Vorsicht geboten: Wenn man das logisch weiterdenkt, könnten wir anfangen, noch konsequenter so zu schreiben, wie wir sprechen. Das müsste sehr geregelt ablaufen, weil jeder ein wenig anders spricht und die deutsche Sprache dann zum bunten Spielplatz der unbegrenzten Möglichkeiten avancieren würde und kein interhumanes, zugänglich normiertes Kommunikationsmittel mehr wäre. Jeder dürfte die Textfelder dieser Welt als Staffelei für seinen Idiolekt betrachten, und das wäre der Kommunikation letzten Endes abträglich*. Wail wen isch dan finde, das isch so schbreche, dan kan isch schraiben wi isch wil, egal wen es jemant ferwirt. Am Ende ist es für alle am besten, wenn es allgemeingültige Regeln gibt.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen noch 1 schöner Tag!

-Der Sprachbeschreiber

*= Im Schweizerdeutschen tun wir hingegen genau das ständig: Anhand unserer Vorstellungen, wie die Sprache klingt, verschriftlichen wir sie, jeder etwas anders. Das wäre auch mal noch ein spannendes Thema...

Montag, 2. November 2015

37: Gastartikel - Shepherds Swisscom-Standpauke

Grüeziwohl!

Ich weile derweil ferienhalber in Wales und geniesse das British English, den neuen Dialekt und die Beschriftungen in Welsh um mich herum. Deshalb lasse ich heute gewissermassen jemand anderen die Arbeit machen: Ich präsentiere einen Text von meinem geschätzten Cousin, der als Shepherd Goodspeed bekannt ist und bereits verschiedentlich als Blogger aktiv war. Ich hatte ihn schon länger als möglichen Gastautor auf der Liste. Derzeit gibt es gelegentlich eine seiner stilvollen Wutschriften bei "Corpus Delicti" zu lesen, wo auch ich schon einmal Gastautor war. Einen dieser Texte darf ich meiner Leserschaft nun zuführen - passt er doch glänzend in mein Fachgebiet. Verfasst wurde der Text letzten August. Wer den angesprochenen Werbespot von Swisscom noch nicht kennen sollte, schaue sich das unten eingefügte Video an. Viel Vergnügen!


Swisscom-Werbeslogan


Sehr geehrte Damen und Herren,

Gerne wollte ich Ihnen eine allgemeine (und auch eher triviale) Anfrage zukommen lassen.
Gerade eben habe ich zum ersten Mal den Werbespot für 'Swisscom TV 2.0' von Martin
Werner gesehen, der seit September vergangenen Jahres ausgestrahlt wird. 

In diesem Spot, den Sie zweifelsohne kennen werden, wird allem Anschein nach die
Schlacht bei Carrhae zwischen den Parthern und den Römern dargestellt, die sich mit
dem Säbelrasseln jedoch gedulden müssen, bis Nico - der Observierende - einige andere
Aktivitäten seines täglichen Lebens vollendet hat.

Jedoch ist dies in meiner Anfrage nur nebensächlich. Ich werde Ihnen nun den Slogan, um
den es hierbei geht, noch einmal zeigen:



Auch Ihnen dürfte bereits der Klang dieses Satzes seltsam vorkommen - irgendetwas
stimmt dabei nicht, oder? Und obwohl ich Ihnen keinesfalls unterstellen möchte, es nicht
selbst herausgefunden zu haben, werde ich es Ihnen aufzeigen:

-"Am unterhaltsamsten" ist der Superlativ der Wortes "unterhaltsam".
-Um mich in einer "unterhaltsameren" oder sogar einer "unterhaltsamsten" Schweiz
  willkommen zu heissen, bräuchte es mindestens ein Vergleichsobjekt mit dem exakt       
  selben Namen.
-Es gibt bekanntlich nur eine einzige Schweiz auf der Welt (Switzerland in South Carolina, 
 USA zählen wir nicht).

Das ist, wie wenn Sie sagen würden: "Willkommen im ärmsten Afrika der Welt!", oder "Wie
gefiel es Dir am kältesten Südpol der Welt?"

Entweder ist es das "ärmste Land der Welt" oder es ist "Afrika". Es ist der "kälteste der
beiden Pole" oder "der Südpol". Das lässt sich nicht vermischen!

Wäre es nicht um einiges besser gewesen, für die "unterhaltsamste Welt der Schweiz" zu
werben? Damit könnte man ja leben, da die Erfahrung "Swisscom 2.0" fast schon eine
eigene Fernsehwelt darstellen kann, in der man entdeckt, stöbert, oder einfach mal
entspannt! Abgesehen davon wäre dies ein verständliches und logisches Wortspiel.

Nun, ich mache mir nur deshalb die Mühe eines solch langen Textes, weil mir etwas daran
liegt, zumindest in kleinem Stil gegen genau diese Slogans vorzugehen, die mir das
Gefühl geben, ein Idiot zu sein. Ich bin mir bewusst, dass sich seit der Entwicklung der
Sprache eine Menschenmenge mit simplen, deutlichen und polarisierenden Sprüchen
beeinflussen lässt - die Beispiele in der Geschichte sind genauso zahlreich wie tragisch.

Dies ist wahrscheinlich vergebens, aber ein Versuch ist es allemal wert: 
Bitte, bitte senken Sie Ihr Niveau nicht auf Media Markt-Ebene! Abgesehen davon, dass
Sie von vielen, die den Fehler in Ihrem Slogan entdecken belächelt werden, fühlt man sich
als normal denkender Mensch wie Vieh behandelt, dem man alles zum Frass vorwerfen
kann - auch linguistische Eskapaden wie diese. 

Es ist mir auch deshalb ein Anliegen, da ich ansonsten eine hohe Achtung vor Ihrem
Betrieb habe und seit meinem fünfzehnten Lebensjahr (dem Jahr 2000) Ihr treuer Kunde
bin.

Ich würde mich ausserordentlich über eine Stellungnahme Ihrerseits freuen und wünsche
Ihnen ein schönes Wochenende,

- Shepherd Goodspeed

Montag, 19. Oktober 2015

36: KommunikationsWAS?

So, der Sprachbeschreiber meldet sich doch tatsächlich zurück - nach mehreren Monaten Pause. Nun, was soll ich sagen - es war einiges los, und die Inspiration fehlte. Immerhin habe ich die übrige Zeit gut genutzt, habe zum Neubeginn eine Sprachbeschreiber-Facebookseite erstellt und mir meinen Bachelor in Angewandter Sprache besorgt. Da ich nun also ausgebildet bin, steigt die Qualität meines Blogs logischerweise sofort enorm an. Und die übermässig verschuldeten USA werden morgen für kreditunwürdig erklärt. Spass beiseite - wie es mit dem Sprachbeschreiber weiter geht, wird allein die Zeit zeigen können. Wie bereits im Februar erwähnt ist es mit der Regelmässigkeit definitiv vorbei; ich poste, wenn etwas zustande gekommen ist. Eine Pause von 7 Monaten soll aber für's erste jedenfalls nicht wieder vorkommen.

Dieser Post hier berichtet von der ersten Tätigkeit, die ich mir mit meinem Bachelor ergattern konnte: Ein Praktikum bei der Help Media AG, Onlinedienstleisterin und Betreiberin des Unternehmens-Suchportals help.ch. Meine Rolle dort: Kommunikationsverantwortlicher. Was heisst das? Und was ist daran interessant?


Ich habe mit Help Media einen Deal ausgemacht, der beide Seiten begünstigen soll. Zu rund 50% erledige ich wenig anspruchsvolle Büroarbeiten, um das Team zu entlasten; ich suche etwa nach den Gründen für den fehlgeschlagenen Versand von Mails, lade die neuesten Aktionen von Coop, Denner & Co. auf die von Help verwalteten Portale hoch oder erfasse Firmen für die Suchmaschine. Der Einblick in die bunte Schweizer KMU-Landschaft kann durchaus witzig sein: Da gibt es Webseiten für Burmakatzen, schräge Kräuterweibchen, die dubiose Waldseminare anbieten, Bastelateliers von gelangweilten Hausfrauen, zahllose Galerien, meist im Besitz wohlhabender Westschweizer... Und immer wieder mal ein unsägliches Wortspiel:

Nervig sind die ganzen Innerschweizer Kapellen und Jodelvereine, die keine Mailadresse haben und so nicht schnell und einfach mit unseren Marketingangeboten belästigt werden können. Und selbst wenn jemand eine Mailadresse hat, ist diese immer wieder gut versteckt; viele Web"master" scheinen noch nie etwas von "Usability" gehört zu haben. Auf's Einrichten kreativer Schutzmassnahmen gegen Bots scheinen sie sich aber teilweise hervorragend zu verstehen:

Ich hätte grosse Lust, mal die obere Option anzuwählen. Ein Verein aus Granges ist offenbar aller Sicherheitsvorkehrungen zum Trotz Opfer eines üblen Hackerangriffs geworden:


Andere haben originelle Teamseiten:


Man kommt bisweilen auf die fiese Idee, einen Bekannten bzw. seine Kontaktdaten in Sparten wie "Showkünstler", "Pizza-Lieferdienst" oder "Beratung" einzutragen. Wie es scheint, bekommt jetzt zudem das Lach-Yoga einen Gegenpol:


Das waren die Aufgaben, die unter "Pflicht" fallen. Viel lieber erledige ich natürlich die anderen 50%, die "Kür": Die Kommunikationsaufgaben. Dabei blühe ich auf, und dort kann ich meine an der Hochschule erworbene Kompetenz zum Einsatz bringen und dazulernen. Grundsätzlich heisst das, dass ich Ansprechperson für Mitarbeiter und Kunden für sprachlich/kommunikative Fragen bin. In meiner Rolle lese ich etwa jeden Morgen Pressemitteilungen von Unternehmen durch und veröffentliche diese auf den Newsportalen swiss-press und aktuellenews. Davor müssen die Meldungen oft überarbeitet werden. Zu direkte Werbung und Links zu Angeboten werden etwa nur gegen Bezahlung veröffentlicht. Oft ist die Meldung zudem enorm subjektiv geschrieben und bedarf einer Editierung in Richtung objektiver Berichterstattung. Wenn die Sunrise AG schreibt, ihre Entlassungen seien allesamt absolut behutsam und fair durchgeführt worden, oder wenn die Clariant grossspurig von den geplanten Nachhaltigkeitsmassnahmen berichtet, dann schreibe ich das im Konjunktiv und nicht wie einen Tatsachenbericht. Besonders gefallen hat mir folgende Bemerkung am Ende einer Meldung:

"Aufgrund ihrer Art beinhalten Aussagen über künftige Entwicklungen allgemeine und spezifische
Risiken und Ungewissheiten. Es ist in diesem Zusammenhang auf das Risiko hinzuweisen, dass Vorhersagen, Prognosen, Projektionen und Ergebnisse, die in zukunftsgerichteten Aussagen beschrieben oder impliziert sind, nicht eintreffen."

Der Hammer. Ist der Verfasser ein bisschen blöd, hält er seine Leserschaft für blöd, hat er einfach Angst davor, von skrupellosen Journalisten festgenagelt zu werden, oder ist er einfach ein Spassvogel? "Aufgrund ihrer Art...", also "Weil sie nun mal so sind..." Und dann noch "allgemeine UND spezifische"! Die Sinn pro Wort-Rate liegt hier eindrücklich tief. Insgesamt wäre der Disclaimer eher etwas für die Website von Mike Shiva.

Es ist zudem meine Aufgabe, neben den fremden Firmennews täglich einen Artikel "in eigener Sache" oder eine Pressemitteilung von unserem Unternehmen zu schreiben, was für Aufmerksamkeit sorgen und Leute auf help.ch locken soll. Die eine Variante besteht darin, zu einem potentiell interessanten Thema zu recherchieren und einen eigenen Text zu schreiben. Die andere Variante ist das Übersetzen eines Blogeintrags oder ähnlicher Texte - natürlich mit eindeutigem Verweis auf den Originaltext. Die Texte landen neben den Firmennews auf swiss-press und aktuellenews und finden sich jeweils in der Übersicht auf www.helpnews.ch und der Help-Facebookseite. Ich sehe mir regelmässig in den Statistiken an, wie gut sich die Texte schlagen, und versuche mich bei der Planung neuer Texte nach den aktuell erfolgreichen Themen zu richten - bisher hat sich mein Publikum aber nicht als leicht durchschaubar erwiesen und ähnliche Texte sehr unterschiedlich oft angeklickt. Gelegentlich habe ich als Kommunikationschef auch Kundenkontakt; ich beantworte Mailanfragen und verhandle mit Bittstellern.

Der Job verlangt zahlreiche Sprachfähigkeiten. Zum einen wäre da die Mehrsprachigkeit: Einerseits übersetze ich Texte, die immer wieder aus Fachgebieten stammen, was ja schon eine Kunst für sich ist. Andererseits sind die Firmenwebsites oft auf Französisch und manchmal auch Englisch gehalten. Oder aus unerfindlichen Gründen noch etwas exotischer:


Bei der Sprache hat man auch schon mal nur den Schein einer Wahl bzw. einen Wahlschein (Zitat Das Känguru):


Aber nicht nur Fremdsprachen muss ich als Kommunikationsverantwortlicher bei Help Media im Griff haben. Beim Schreiben von Texten und Mails und dem Veröffentlichen von Pressemeldungen muss ich nicht nur PC-Kenntnisse anwenden und grammatisch und rhetorisch auf der Höhe sein, sondern auch die Regeln der Textsorten kennen, Quellen berücksichtigen und sowohl die Wünsche des Auftraggebers als auch das Zielpublikum stets im Blick haben, mich laufend anpassen und auf meinen genauen Wortlaut achten. Und all das macht mir Spass. =)

Soweit der grobe Überblick über meine bisher praxisnäheste Erfahrung als Kommunikationsspezialist. Dann wünscht mir mal noch alles Gute beim Erhöhen der Klickzahlen auf help.ch bis im Februar. Da studiere ich dann weiter - der Master in angewandter Linguistik wartet! Aus dem Help-Büro in Freienbach SZ am Zürisee grüsst herzlich

-Der Sprachbeschreiber

Samstag, 3. Oktober 2015

35: "Die Präsidentenrunde" - Linguistische Analyse zur Wahlkampfbilanz-Arena

Haben Sie das gesehen? Am 2. Oktober 2015, Freitagabend, um 22:25 Uhr auf SRF 1? Die Arena zum Ende der Wahlkampfperiode ging über die Bühne. 8 höchste oder beinahe höchste Tiere aus den 8 grössten Schweizer Parteien standen einander gegenüber, um Bilanz über den Wahlkampf zu ziehen. Das Konzept: Der Wahlkampf einer Partei wurde jeweils vorgestellt, und die anderen Präsidenten bzw. Co-Präsidenten mussten darüber sprechen. Als ich von dieser Ausgangslage hörte, wusste ich gleich: Die Sprache dieses Abends sollte beschrieben werden. (Bild: srf/Oscar Alessio)

In meiner Bachelorarbeit hatte ich bereits Politsprache untersucht, und daher wusste ich, worauf zu achten sich wahrscheinlich lohnen würde. Und da die Parteipräsidenten sich ja irgendwie zu ihrer Position aufgeschwungen haben müssen, handelt es sich bei ihnen in der Regel um Charakterköpfe, die einen individuellen Sprachgebrauch pflegen - es war also mit Originalität und Überraschungen zu rechnen.

Der Gewinner in der Kategorie "Metapher des Abends" ist für mich Christian Levrat (SP), dessen gutes, aber halt nicht ganz perfektes Deutsch schon eine Faszination an sich darstellt:

Levrat: "Dass die SVP die Brandstifter in diesem Thema tun, überrascht wohl niemand. Und es hat sich in der letzten Session im Parlament gezeigt, dass die Brandstifter auch kein Interesse haben an Feuerschutzmassnahmen oder an der Feuerwehr."

Auch CVP-Präsident Darbellay zieht Levrats Hochdeutsch mit französischem Touch offenbar sehr in seinen Bann. Als er sich einmal nahtlos direkt im Anschluss an Levrat äussert, spricht er fast eine halbe Minute lang dessen Hochdeutsch, bevor es mitten im Satz zum Code-Switching kommt und er abrupt wieder auf Schweizerdeutsch weiterfährt - faszinierend.

Problembehaftetes Konzept
Nun habe ich anfangs von "hohen Tieren" gesprochen. Und Tiere sind diese Parteipräsidenten in gewissem Sinne auch, mit wenigen Ausnahmen: Sie rangeln gern mit ihren Artgenossen und wollen die Runde dominieren und Konkurrenten ausschalten. Ich war gespannt, wie gut sich das mit dem Sendungskonzept des Sprechens über andere Parteien statt der eigenen vertragen würde. Moderator Jonas Projer legte los:

Projer: "Die Wahlstrategie der SP. Toni Brunner - Herumtelefonieren ist das Rezept der Genossen, da muss man eigentlich sagen: Eine sehr gute Idee, der direkte Kontakt mit dem Volk."
Brunner: "Es gäbe noch ganz andere Möglichkeiten, zum Beispiel wie es die SVP macht..."
Projer: "Aber bleiben Sie doch noch ganz kurz bei der SP!" (Bild: srf)

Ich sass grinsend vor dem Bildschirm und notierte: "Sendekonzept geht Bach runter". Und Moderator Projer musste das geahnt haben: Kaum sagte Toni Brunner "SVP", fiel ihm der Moderator ins Wort. Insbesondere bei Toni Brunner, aber auch sonst ging es fast die gesamte Sendung lang so weiter. Das Sendungskonzept sorgte dafür, dass Moderator Projer die PolitikerInnen immer und immer wieder unterbrechen musste. Warum war das Konzept kein Erfolg? Der Sprachbeschreiber hat zweierlei Gründe festgestellt:

Erstes Problem: Suboptimale Fragen
Projers Fragen enthielten fast immer Dynamit. Gegenüber Herrn Levrat ging er wohl am naivsten vor, indem er den SP-Präsidenten sogar explizit nach den Schwächen von dessen Partei fragte:

Projer: "Ja, Christian Levrat, die Freisinnigen zeigen, wie's geht: Man muss Freude an der Politik wecken, man muss mit der grossen Kelle anrichten und die Leute begeistern - warum schaffen Sie das nicht?"
Levrat: "Und vielleicht auch noch bei der FDP sagen woher sie diese Millionen haben, die sie plötzlich seit Januar auf die, auf die Schweiz wenden. Wir schaffen es. Wir sind die Partei, die am meisten Mitglieder auf der Strasse hat..."

Ein Tor, wer glaubte, dass Levrat im Anschluss tatsächlich nur über die FDP sprechen würde - Projer zielte mit dieser Formulierung eindeutig auf eine Antwort zur SP ab. Auch extrem naiv seine Frage an SVPler Toni Brunner zur CVP, bei der er behauptete, ausser der CVP würde sich niemand für die Familien einsetzen:

Projer: "Warum ist es eigentlich nur die CVP, die in den Wahljahren und in allen anderen Jahren für die Familie einsteht? Eigentlich müsste doch jede Partei für die Familie einstehen..?"
Brunner: "Das tun sie auch, zumindest, wenn ich an meine Partei denke..."

In dieser Frage steckte eine Präsupposition in Form eines Vorwurfs, eines Vorwurfs unter anderem an die SVP, und da äussert sich der gute Herr Brunner dann natürlich dagegen und berichtet von seiner Partei und nicht von der CVP - damit mussten Sie rechnen, mein lieber Herr Projer! Der Provokations-Sprengstoff war zwar nicht in allen Fragen ganz so explizit zu hören, aber er war fast ausnahmslos drin: Herr Projer lobte den jeweils vorgestellten Wahlkampf oft als Superstrategie und formulierte somit meist die Präsupposition, dem Wahlkampf des Parteimitglieds, das er gerade befragte, habe es an etwas gemangelt. Und solche Vorwürfe lassen diese Leute nun mal nicht einfach so auf sich sitzen. (Bild: srf)

Zweites Problem: Politische Sprechgewohnheiten
Für die meisten Parteipräsidenten gilt: Man sagt "wir" und "ich", man spricht positiv vom eigenen Programm und den eigenen Stärken, um die WählerInnen zu beeindrucken. Und wenn man sich einmal zu Gegnern äussert, dann negativ, damit die eigene Partei noch besser dasteht und möglichst niemand auf die Idee kommt, die andere Partei könnte man ja vielleicht auch wählen. Darin sind die allermeisten grossen Parteivertreter sehr konsequent, und das steht im krassen Gegensatz zum Sendungskonzept. Ganz selten fiel aber doch immerhin eine positive Äusserung zu einem Gegner - CVP-Darbellay lobte etwa den Wahlkampf der FDP. Die "Pflegeleichtesten" waren insgesamt wohl Marianne Streiff-Feller (EVP) und Martin Landolt (BDP) - die mussten so gut wie nie von Dompteur Projer unterbrochen werden.

Wenn man Projer zuhörte, musste man feststellen, dass er anscheinend positive Äusserungen zu den anderen Parteien hören wollte - und das ist in der Politik eine Rarität. Man macht keine Zugeständnisse, und wenn, dann relativiert man diese sofort und erwähnt, dass die eigene Partei das Ziel viel effizienter verfolge. Der sprachliche Fokus - in erster Linie natürlich der Positive - liegt auf der eigenen Partei und den eigenen Themen, wenn Parteipräsidenten etwas sagen. Das wird auch von ihnen verlangt, gerade im Wahlkampf.

Fazit
Unter dem Strich war das Sendungskonzept von SRF zwar mutig, aber naiv konzipiert und naiv umgesetzt von Herrn Projer, der aber immerhin engagiert und konsequent für Ordnung sorgte. Man erhielt einen knappen Überblick über die Parteienlandschaft und die aktuellen Themen - aber zu keinem Zeitpunkt konnte man wirklich in die Tiefe gehen, das war schade und das bedauerten auch die PolitikerInnen, die sich abschliessend zum Erfolg des Konzepts äussern durften. Ihnen brannte vieles unter den Nägeln, das im Konzept keinen Platz hatte. (Bild: srf)

Mein Tipp für's nächste Mal: Wenn's mit dem Sprechen über andere Parteien klappen soll, dann wäre es zunächst einmal vor allem wichtig, objektivere Fragen zu stellen, die nicht explizit oder implizit als Provokation an die Befragten daherkommen. Es wäre auch einen Gedanken wert, ein bisschen "Tabu" zu spielen und den Gebrauch des eigenen Parteinamens und von Pronomen der ersten Person zu untersagen: Verstösst jemand dagegen, geht sein Mikrofon aus. Das wäre der Ordnung sicher zuträglich. Die Frage ist lediglich, ob es auf Begeisterung stossen würde. Denn wie wir gesehen haben, sind die PolitikerInnen darauf ausgerichtet, über eigene Themen zu sprechen. Und das sollen sie ja auch tun. Die WählerInnen können selbst entscheiden, was ihnen an den Parteien gefällt und was nicht - man muss es nicht den Parteivertretern aufbürden, gegenseitig ihre Vorzüge zu präsentieren, die sie ja entweder gar nicht oder bei ihrer eigenen Partei genauso sehen, sonst hätten sie sich ja nicht für ihre Partei entschieden. Ein mutiges Konzept, sicherlich - aber letzten Endes aus meiner Sicht keines mit Zukunft.

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 16. Februar 2015

34: Automatic language

Na da brat' mir doch einer 'n Storch (Sprichwort), es ist 2015. Und ich blogge jetzt mal frisch und fröhlich (Alliteration) weiter - der regelmässige Rhythmus (Alliteration & Pleonasmus) wird aber ab jetzt abgeschafft, da für mich gerade ein nicht gerade unbedeutendes (Litotes) Semester beginnt. Lassen Sie sich also einfach gelegentlich von einem Post überraschen, OK? Bestens. Für den ersten Post dieses Jahres habe ich mir das Analysematerial vollautomatisch produzieren lassen. Und zwar von meinem Handy.

Es wird ja kaum mehr handschriftlich geschrieben. Heutzutage wird vornehmlich getippt, auf echten
oder virtuellen Tastaturen, und das bringt neue Probleme mit sich, die wiederum mit neuen Schreibhilfen bekämpft werden. Beim Computer werden Wörterbücher angelegt, und die Daten daraus werden beim Schreiben mit dem verfassten Text abgeglichen. Scheint ihm ein Wort zu abgefahren, und kennt er ein Wort, das fast gleich geschrieben wird, so schlägt er dieses vor. Dazu kam irgendwann die Implementierung grammatischer Regeln, so dass uns Microsoft Word inzwischen auch auf falsche Deklination und ähnliches aufmerksam machen kann (in vielen Fällen schlägt es aber auch einfach nur Quatsch vor).

Bei kleinen Handytastaturen trifft man des öfteren nicht genau alle gewünschten Buchstaben, und deshalb können Smartphones mittels Autokorrektur Wörter vorschlagen (bzw. aufzwingen), die man vielleicht hatte schreiben wollen, weil die Finger in der Nähe der passenden Buchstaben vorbeigekommen waren. Die Entwickler der Swype-Technologie machten sich diese Technik zunutze und erfanden ein Schreibsystem, bei dem man nur eine Linie über die gewünschten Buchstaben auf der Tastatur zu zeichnen braucht, worauf aus den Buchstaben, bei denen die Linie die Richtung ändert, mögliche Wörter zusammengebastelt und vorgeschlagen werden. Das Handy lernt dabei neue Wörter, die man benutzt (der Schweizerdeutsch-Lernprozess meines Handys fasziniert mich ungemein), und speist zum Beispiel auch Namen aus dem Telefonbuch ein. Interessant wird es zum Beispiel dann, wenn man beispielsweise einen Text swypet und immer den jeweils zweiten Vorschlag annimmt. Bestaunen Sie im Folgenden die "zweitwahrscheinlichsten Varianten" zweier bekannter Texte.

Alte meiner erbrechen
Schwetzingen aus drum SE
Köpfen Asus den war schwatzen ihn dir hob.

Vatter unsere um hinten
Gehofft Werder sein nannte.
Sein Rettich könne, sein Wolke geschüttet, wow um Hummel, si aus Dem.

Besonders spannend: Manche Wörter kamen mehrmals vor, aber beim Swypen wurde nicht der selbe zweitwahrscheinlichste Vorschlag angegeben, was mich fragen lässt, wie denn da die Kriterien fürs Vorschlagen lauten... Auf jeden Fall würde es da nicht schaden, die Beziehungen zwischen den Wörtern zu beachten. Aber auch das können die Smartphones ja inzwischen.

Grosse Textmengen werden höchstwahrscheinlich in die Handys eingespeist - wahrscheinlich Korpora aus typischen SMS-Konversationen -, damit sie lernen, welche Worte beim Simsen oft aufeinander folgen, und möglicherweise passende Wörter vorschlagen können. Mit der Zeit lernt das System dann auch, was der Nutzer am meisten hintereinander schreibt (weswegen mich der Vorschlag im Bild oben doch etwas nachdenklich macht). Der Autovervollständiger ist ein linguistisch ungemein interessantes Phänomen. Auf meinem Windows Phone gibt es ihn nur auf Englisch. Hier sehen Sie, von welchen drei Wörtern manche Wörter laut Windows offenbar am meisten gefolgt werden:


Die Vorschläge hier sind ziemlich naheliegend... Not bad. Mal sehen, wie das weitergeht:



"Please help" auf Rang 1? Wenn das System so funktioniert, wie ich es erklärt habe, also mit eingespeisten echten SMS-Nachrichten, dann könnte man da auf eine "Great Depression" in der Bevölkerung oder sowas schliessen. Es folgt "Please don't". Es gibt also viel Uneinigkeit und Misstrauen; man muss den Leuten vieles ausreden/verbieten..? Und dann noch "Please contact" auf Rang 3... Das klingt mir irgendwie zu formell für einen echten, authentischen SMS-Korpus und wirft erneut die Frage auf, welcher Art die Nachrichten waren, die hier verwendet wurden, um das Handy zu "unterrichten".

Kuck an, kuck an. Wenn man von sich selbst schreibt, geht es also vor allem darum, was man hat (oder getan hat), was man denkt (oder meint) und was man ist (oder gerade tut). Spricht man den anderen an, so geht es darum, was er (tun) kann, was er ist (oder gerade tut), und was er hat (oder getan hat). Nun, das mit dem "have" erklärt sich vielleicht am ehesten so, dass SMS-Nachrichten in den meisten Fällen von kürzlich erfolgten Handlungen berichten (present perfect). Während wir etwas tun ("am", present continous) haben wir wohl eher weniger Zeit zum Simsen, aber wir wollen es ja richtig tun und fragen lieber nochmal nach, deswegen vielleicht Rang 3 dafür (oder wir gehören zu den Dauerschreibern, die ständig und überall mit jemandem in Kontakt sein müssen). Aber noch öfter empfinden die Menschen es offenbar als wichtig, ihren Senf abzugeben. Egoisten. Ein bisschen mehr "should" würde denen gut tun. :P
Was wird mit dem "You can" bezweckt? Die anderen sind sich wohl oft ihrer Möglichkeiten nicht bewusst. "You are" - war ja klar, was der andere ist, das wissen wir immer besser: Ein verantwortungsloses Schwein, eine dumme Quasselstrippe, ein zentralafrikanisches Rotstirngazellenbaby... Ok, letzteres eher selten. Vergessen Sie das wieder.

Das in SMS-Nachrichten erwähnte Wetter ist also in den meisten Fällen "soooo"... Also entweder schreiben sich die Leute vor allem dann Nachrichten, wenn das Wetter sooo schön, sooo mies, oder, was ich aufgrund meiner Facebook-Erfahrung auch für sehr wahrscheinlich halte, sooo spektakulär ist. Im zweiten Fall denke ich sofort an unangenehmen Smalltalk an der Bushaltestelle (gibt es Leute, die sogar beim Simsen so awkward drauf sind..?). Und der dritte Fall... kann man daraus schliessen, dass die Leute einander bei schönem Wetter öfter schreiben als bei schlechtem? Und was schliesst man wiederum daraus? Hoffentlich handelt es sich um Leute, die Ausflüge planen, und nicht um solche, die auch bei bestem Wetter noch nur mit elektronischen Geräten beschäftigt sind.

Was haben wir hier? "In the world"? Die Leute halten sich also oft für Experten, die die Autorität zur Verallgemeinerung besitzen. Oder die fortschreitende Globalisierung und Vernetzung lässt mehr Wissen und folglich mehr Aussagen über die Verhältnisse in der Welt zu. Dann folgt "in the morning"... Der Morgen ist anscheinend die meist erwähnte Tageszeit. Am Morgen findet also offenbar das erwähnenswerte Leben statt, der frühe Vogel fängt den Wurm, morning hour has gold in its mouth (klingt irgendwie verstörend auf Englisch...). Und bei Rang 3 geht das Studieren wieder los: "In the" kann unmöglich am drittmeisten von "is" gefolgt werden - wie funktioniert also dieses Vervollständigen? Meine Recherchen haben bislang nichts zutage gefördert...

Dann wünsche ich weiterhin viel Spass beim Tippen. Mal sehen, was die Technik uns Sprachfans noch so alles bringt... Ich werde da sein und es analysieren!

-Der Sprachbeschreiber

P.S. Mithilfe einiger engagierter Winterpausenklicker hat mein Blog kürzlich die 5000-Klick-Marke gesprengt. YAY, danke! =)

Dienstag, 23. Dezember 2014

33: Kuriositätenkabinett 2014

Hi there!

Zum Abschluss des Jahres 2014 beabsichtige ich, mich einer eher banalen und doch wunderbar unterhaltsamen Beschäftigungsmöglichkeit für einen Sprachbeschreiber zu widmen: Auffällig formulierte Schriftstücke, die ich dieses Jahr sammeln konnte, präsentieren und kommentieren. Folgen Sie mir in ein klitzekleines Kabinett der Kuriositäten des Sprachgebrauchs.

Hm... Wenn Sie mal jemandem mit angestrengt gesenktem Kopf durch die Strassen laufen sehen, dann dürfte es sich also um einen Head and Shoulders-Nutzer handeln. "Idiomatikignoranz" bei der Wortwahl nenne ich das. Unter "Augenkontakt" versteht man bei uns nicht in erster Linie, dass etwas mit den Augen in Berührung kommt. Aber das merkt nicht jeder...

Dieses Problem macht mannigfaltig Mühe, auch im Blick am Abend: Hat man einen weiblichen Chef oder eine weibliche Chefin? Wählt man das Oxymoron oder den Pleonasmus?  Hier jedenfalls musste ich schmunzeln. Sie auch? Da haben's etwa die anglophonen Personen einfacher... Warum muss man jedem Nomen unbedingt das Geschlecht ansehen? Von den französischen Anpassungsregeln will ich gar nicht erst anfangen... Und apropos political correctness:


Meine sehr verehrten Poulets und Pouletinnen... Bzw. im Französischen "poulette" und im Italienischen "polla"..? Ja, man kann's auch übertreiben mit der sprachlichen "Gleichheit" - die durch dieses Vorgehen sowieso nicht erreicht wird. Es kommen an unserer Hochschule gelegentlich DozentInnen vor, die ausschliesslich weibliche Personenbezeichnungen gebrauchen, die also etwa nur vom Beruf der Übersetzerin sprechen. Dass das ihrer eigenen Argumentation folgend nicht weniger diskriminierend ist, wird anscheinend nicht realisiert oder bewusst in Kauf genommen.

Wo soll ich da anfangen... Also, das Grundwort "Seminar" ist kein Name, man muss also von "das Nachtseminar Winterthur" sprechen. "Musikbegeisterte DJs"... "Grüblerische Philosophen"... "Naturverbundene Bauern"... "Grosse Riesen"... "Nasses Wasser"... ...alles auf der selben Kreativitätsstufe. Zudem gibt es den Genitiv-Apostroph nur im Englischen; auf Deutsch signalisiert er, das etwas ausgelassen wurde. Zu guter letzt fehlt das Komma, das den Nebensatz einleitet (DJs, die...). Lauter postmoderne Trendfehler - als leidenschaftlicher Korrekturleser weiss ich, wovon ich rede.

Leset und staunet...

Jaja, wieder einmal eine unglücklich konstruierte Syntax. Da kommen die mit ausreichender linguistic awareness ausgestatteten Personen wie der gute Oli hier aus allen Ecken gekrochen und haben ihren Spass dran.

Wie meinen, Blick am Abend? Ob Frauen grösser sein dürfen als der Partner des Lesers, oder ob Frauen grösser sein dürfen als der eine Partner, den sie sich teilen?




Kicher kicher. Tja, wieder ist Weltwissen für das richtige Verständnis eines Kompositums gefragt. Da war eine oder einer ganz witzig und konnte sich einen Hinweis darauf nicht verkneifen.
Bei der Erstellung dieser Umfrage war wohl der Ermittlerausschuss zur Entlarvung von Menschenhändlern beteiligt...



Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Und vergessen Sie nicht: Die sprachlichen Kuriositäten sind überall. Open your eyes. Und es sei wieder einmal erwähnt: Wenn Sie was Schönes finden, dann machen Sie doch ein Foto und lassen Sie's mir zukommen, damit die Welt mitkichern und -studieren kann. Danke und frohe Festtage, wir sehen uns nach der Winterpause ( mal schauen, wie lang die dauert... ich sach' mal Mitte Februar)!

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 8. Dezember 2014

32: Inspiriert vom Känguru #3: Sprachliche Manifestation

"Ich kann nich' Auto fahren", sagt das Känguru. "Ich habe meine Führerscheinprüfung abgebrochen, weil ich Rechts vor Links nicht akzeptieren wollte." "Wie?!". "Warum Rechts vor Links? Warum nicht Links vor Rechts? Sogar in Australien gibt's Links vor Rechts, und das Heimatland meiner Vorfahren kann sich sonst nicht gerade einer sehr fortschrittlichen Politik rühmen." "Was?". "Da muss man doch ma' drüber reden!". "Wie?". "Ich meine, wenn wir eins aus der Frauenbewegung gelernt haben, dann isses doch, dass sich Unterdrückungsmuster schon in der Sprache manifestieren!". "Was?". "Liebe LeserInnen", sagt das Känguru mit großem I. "Wie?". "Hast du n' Hänger?!", fragt das Känguru. (...) "Soll ich dir ma' auf'n Hinterkopf hau'n?". "Was?". Das Känguru haut mir auf den Hinterkopf. "Ey!", sage ich. "Dekonstruktivismus!", sagt das Känguru. "Kenn' ich", sage ich. "Na also! Rechts vor Links, das is' ein reaktionär-konservatives Unterdrückungsmuster, manifestiert in der StVO!". "Was?". "Ich mein' warum Rechts vor Links? Warum nich' Links vor Rechts? Warum?". "Weiß nich'", sage ich. "Das hat mein Fahrlehrer auch gesagt, das konnt' ich so nicht akzeptieren! Da bin ich trotzdem zuerst gefahr'n!". "Konsequent", sage ich. "Ich meine warum heißt es Recht haben und nicht Link haben?". "Hm", sage ich. "Warum ist ein rechtes Ding positiv konnotiert, ein linkes Ding negativ?". "Hm". "Warum spricht ein Richter nicht Link?". "Hm." "Wahrscheinlich weil er ein rechter Sack ist!", sagt das Känguru. 
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2009): Die Känguru-Chroniken)

Recht hast du, Känguruh: Die Sprache ist immer wieder auch Spiegel der Kultur, in der sie gesprochen und von der sie folglich beeinflusst und geformt wird. Sprache lebt. Das sehen wir nur schon daran, dass es unregelmässige Verbformen gibt: Diese sind in der Regel das Resultat von mündlicher Weitergabe. Was sich verbreitet, das setzt sich durch, wie zum Beispiel auch das Wort "Keks", das dadurch entstand, dass das deutsche Backwarenunternehmen Bahlsen eins seiner Produkte "Leibniz-Cakes" nannte, was die Deutschen so mangelhaft aussprachen, dass dann schliesslich "Keks" daraus wurde. In diesem Wort manifestiert sich also quasi die Inkompetenz der meisten Deutschen in Bezug auf die Aussprache englischer Wörter.

Faszinierend ist in dieser Hinsicht besonders das Projekt DDR-Duden. Damals im Osten, wo ja das Känguru auch viele Jahre verbrachte, wollte die sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) die Sprache der BürgerInnen quasi auf die Staatsideologie "zuschneiden". Das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen beschrieb 1973 den Unterschied der Sprache des "Arbeiter- und Bauernstaats" zum "Westdeutschen" folgendermassen:

"Das grammatische Grundsystem der Sprache zeigt keine ins Gewicht fallenden Differenzierungen. Der Anteil der Unterschiede im Wortschatz dürfte bisher sicher noch unter 3 Prozent liegen. Schwerpunkte eines abweichenden Wortschatzes liegen insbesondere im politisch-ideologischen Bereich, bei den Begriffen aus dem Berufsleben und aus der Wirtschaft sowie im Bereich von Bildung und Kultur."

Germanist Willi Steinberg lobte den Duden-Ost, weil er "alle Wörter führt, die das Heldentum der Arbeit und die Taten unserer Menschen für Frieden und Fortschritt widerspiegeln". Wörter, die der "richtigen Gesinnung des Volkes" abträglich schienen, wurden kurzerhand gestrichen, darunter "Meinungsfreiheit", "Weltreise", "Kreuzfahrt" oder "Republikflucht". Um durch die Zustimmung der BürgerInnen gegebene Legitimität des Staates und seiner Organe vorzutäuschen, wurden aus zahlreichen Wörtern mit dem Bestimmungswort "Volk-" Komposita gebastelt wie "Volksrichter", "Volkspolizei", "Volksuniversität", "Volksgesundheit", "Volksfeind", "Volkszeitung" und der zu Kopfschütteln mit Grinsen anregende Pleonasmus "Volksdemokratie" sowie die "Volkswahl" und natürlich die "Volksrepublik". Vereinzelt wurde auch versucht, Worte zu ersetzen statt verschwinden zu lassen. Aber den Osterhasen zum "Frühjahrschokoladenhohlkörper", den Weihnachtsengel zur "Jahresendflügelfigur" und Nudeln oder Kartoffeln zu "Sättigungsbeilagen" zu machen, darf wohl als etwas sehr gewagter Versuch der Abhebung vom "Klassenfeind" im Westen bezeichnet werden. Bestehende Begriffe erhielten auch vermehrt veränderte Definitionen:

Parlamentarismus (Westen, 1954): Beschränkung demokratischen Handelns auf das Parlament
Parlamentarismus (Osten, 1957): bürgerliche Regierungsform, in der formal das Parlament die Politik bestimmt

Bourgeoisie (Westen, 1973): (wohlhabender) Bürgerstand (auch: durch Wohlleben entartetes Bürgertum)
Bourgeoisie (Osten, 1969): die herrschende Klasse in der kapitalist. Gesellschaft

Kapitalismus (Westen, 1973): Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, deren treibende Kraft das (übersteigerte) Gewinnstreben einzelner ist
Kapitalismus (Osten, 1969): Gesellschaftsformation und Produktionsweise, die auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und auf der Ausbeutung der Lohnarbeiter beruht

Verrückt, nicht? Für mich als Student der angewandten Linguistik sind die Hintergedanken der Bestrebungen der SED zwar verständlich; die Sprache ist so eng mit der Kultur verflochten, dass es sehr wertvoll wäre, wenn die beiden einander jeweils neu angepasst werden könnten. Aber so eine "sprachliche Umerziehung" lässt sich nicht ohne weiteres durchziehen, es wird eben gesprochen, wie gesprochen wird, manches setzt sich durch, manches nicht. Aber das Känguru hat auch in der heutigen Sprache erneut eine Manifestation entdeckt...

"Es heißt ja - und das nicht zu Unrecht - Geben sei seliger denn nehmen", sagt das Känguru. "Auch ist allen klar, dass man dem Geber Dank schuldet, wohingegen der Nehmer zu danken hat. Und da Sprache eine Waffe ist, lassen Sie mich kurz etwas über die Begriffe Arbeitgeber und Arbeitnehmer klar stellen, bevor wir dieses sogenannte Bewerbungsgespräch fortführen." Der Personalchef ihm gegenüber zuckt mit den Achseln. (...) "Arbeitgeber und Arbeitnehmer", sagt das Känguru, "diese beiden Worte sind falsch. Es sind Wortzusammensetzungen nur geschaffen um die Wahrheit zu verdrehen, die Arbeitenden zu verwirren, ja, es sind Klassenkampfkomposita - bitte beachten Sie die gelungene Alliteration. Eigentlich ist nämlich der sogenannte Arbeitgeber der Arbeitnehmer und der Arbeitnehmer der Arbeitgeber. Der Arbeitnehmer nämlich gibt seine Arbeit dem Arbeitgeber und der Arbeitgeber nimmt die Arbeit des Arbeitnehmers und verwertet diese zu seinem Gewinn. (...) Da ich mich nicht an dieser Verblendung des Volkes beteiligen möchte", sagt das Känguru, "bitte ich um Ihr Verständnis dafür, dass ich diese beiden Worte im vertauschten oder vielmehr vertauscht scheinenden aber eigentlich richtigen Sinn benutzen werde." 
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2014): Die Känguru-Offenbarung)

Vielleicht fällt Ihnen ja auch mal so etwas auf..? Watch your language.

-Der Sprachbeschreiber

Quellen:

http://www.stiftikus.de/material/FALK.pdf
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45876620.html

Montag, 24. November 2014

31: Rettet das Rumantsch..?

Der Kommentar ist eine tolle Textsorte. Da darf man als Journalist den Leuten zur Abwechslung mal so richtig die Meinung geigen. Und ich habe dereinst sogar einen Kommentar schreiben dürfen. Für ein Dossier rund um Sprache und Kultur des Kantons Graubünden, das wir an der Hochschule verfassten, sammelte ich zunächst Daten zur Sprachverwendung des Rätoromanischen und kommentierte den entsprechenden Bericht anschliessend. So stand es im Jahr 2000 (von da stammten vor zwei Jahren die aktuellsten vollständigen Daten) um das Rätoromanische:


Rang 10. Nicht nur die drei anderen Landessprachen, sondern ganze 6 weitere Varietäten werden in der Schweiz häufiger gesprochen. Zunächst war meine undifferenzierte Haltung: "Naja, wenn das keiner mehr benutzt, dann lasst es halt sterben." Die habe ich eigentlich immer noch. Ich musste allerdings einen kritischen Kommentar verfassen. Und beim Planen fand ich plötzlich Gefallen an der Vorstellung, mich gegen das Verschwinden der rätoromanischen Sprache auszusprechen. Ich schrieb und schrieb, ich schrieb mich in einen regelrechten Rausch, und ich bin durchaus glücklich mit dem reisserischen Text, der am Ende entstanden war. Bitte sehr:

Das Aussterben des Rätoromanischen
Die Zahlen zeigen es unmissverständlich: Die rätoromanische Sprache fristet mittlerweile ein beispielloses Aussenseiterdasein – sogar in ihrem Heimatkanton Graubünden. Welche Überlegungen löst diese Entwicklung bei kritischen Denkern aus? Im Folgenden ein Kommentar, der versucht, aufzuzeigen, was dabei auf dem Spiel steht, und welche Gefahren der Dynamik hinter diesem Prozess innewohnen.

Es lebe der Pragmatismus
Das Rätoromanische befindet sich auf dem Rückzug. Langsam verabschiedet es sich aus der Welt, wie der Röhrenfernseher, das Handy mit Tastatur und vielleicht sogar das Bankgeheimnis. Bei letzterem allerdings wird erbittert gegen das Verschwinden angekämpft. Es handle sich immerhin um ein Schweizer Markenzeichen, eine wertvolle Einzigartigkeit, auf die wir stolz sein könnten. Etwas, das die Schweiz zu dem mache, was sie sei – regelrechtes Kulturgut! So etwas ist doch schützenswert, nicht? Anscheinend nicht immer.

Ist das Rumantsch etwa kein „echtes Stück Schweiz“, kein kostbares Einzelstück, das einen nicht unerheblichen Farbton zu unserer bunten Kulturlandschaft beiträgt? Offenbar wird dieses Thema mit grosser Gleichgültigkeit und viel Pragmatismus behandelt. Nehmt lieber Deutsch, das ist praktischer. Bringt euren Kindern kein Rätoromanisch bei, das sorgt nur für Verwirrung und hat keinerlei praktischen Nutzen. Man muss sich ganz einfach fragen: Ist eine Sprache nicht mehr als ein Werkzeug für Kommunikation? Ist sie nicht Kultur, Identität, ein Stück Heimat?

Wenn die Leute eine Sprache zum Mittel zum Zweck herabstufen und  letztlich dazu bereit sind, sie der Einfachheit halber aussterben zu lassen, dann ist das bedenklich. Das Regime des spanischen Diktators Francisco Franco erhob seinerzeit das Kastilische zur einzigen Landessprache und untersagte die Verwendung aller übrigen Varietäten. Die aktuellen Entwicklungen scheinen zu einer unbewusst voranschreitenden Ausrottung des Rätoromanischen zu führen, die in ihren Auswirkungen letztlich einem Verbot nahezu gleichkäme.

Entwicklungen wie diese, der die Bündner Sprache zum Opfer zu fallen droht, sind charakteristisch für die Megatrends der Zukunft, die sich heutzutage am stärksten in der Technik zeigen: Miniaturisierung, Funktionsintegration – es muss alles schneller, einfacher, unkomplizierter gehen. Denken Sie an Geräte wie das iPhone. Es vereint auf engstem Raum ein Telefon, einen Taschenrechner, einen MP3-Player, eine Fotokamera und noch vieles mehr. Man braucht weniger Geräte und hat mehr Platz. So zeigen sich diese Trends in der Technik. Es besteht nun die Tendenz, dass diese ihren Einfluss im grossen Stil ausweiten und auch andere Bereiche des menschlichen Lebens beeinflussen. So gerät über kurz oder lang die kulturelle Vielfalt in die Schusslinie, in diesem Fall die sprachliche Diversität – sie erhöht den Aufwand für Kommunikation und somit auch den Aufwand in allen Bereichen, in denen kommuniziert wird. Eine Reduktion aufs Deutsche würde den Trends entsprechend vieles einfacher, praktischer gestalten. Daraus könnte dem Rätoromanischen diese Bedrohung erwachsen sein, die sich schleichend vergrössert hat. Bald ist es wahrscheinlich zu spät für Rettungsaktionen.

Möglicherweise wird die Germanisierung des Bündnerlandes in absehbarer Zeit nicht mehr zu bremsen sein. Wie geht es dann weiter? Man könnte dann irgendwann auch darauf kommen, dass das Französische und das Italienische dem Deutschen in der Schweiz im Weg stehen. Wenn diese beiden abgeschafft wären, könnte man zum Beispiel endlich Schluss machen mit all den unübersichtlichen dreisprachigen Produktbeschriftungen! Und wozu braucht jeder deutschschweizerischer Dialekt seine eigenen, charakteristischen Ausdrücke? Ein Vereinheitlichungsprogramm würde vieles vereinfachen. Irgendwann wäre die Schweiz dann ein wahrhaft einheitliches, unkompliziertes Land. Tod der Vielfalt, es lebe der Pragmatismus.

Was für eine aufregende Vision! Ist es das, was wir letztlich anstreben, worauf unsere gesamte Kultur hinarbeitet, bewusst oder unbewusst? Niemand scheint diese Frage zu stellen. Die Antwort könnte erschreckend ausfallen. Beschäftigen wir uns mit dem Problem des übersteigerten Pragmatismus, und fangen wir am besten gleich exemplarisch bei der Bedrohung des Rätoromanischen an. Es gibt ein Kulturgut zu retten und zugleich noch etwas über die postmoderne Gesellschaft zu lernen.

Denken Sie drüber nach. Meinungen in den Kommentaren sind erlaubt.

-Der Sprachbeschreiber